In St.Gallen wurde eine Tango-Oper uraufgeführt: Hin- und hergerissen entscheidet sich Odysseus für die Treue

Der Ostschweizer Komponist mit argentinischen Wurzeln, Francisco Obieta, hat eine Odyssee-Szene vertont. Atmosphärisch dicht hatte seine Tango-Oper vorgestern im Pfalzkeller St.Gallen Premiere.

Martin Preisser
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Joana Elena Obieta (Nausikaa) und Konstantinos Printezis (Odysseus) mit dem Tänzer Martin Birnbaumer (Mitte).

Joana Elena Obieta (Nausikaa) und Konstantinos Printezis (Odysseus) mit dem Tänzer Martin Birnbaumer (Mitte).

Bilder: Michel Canonica

Zeitgenössische Oper ist spannend. Das hat die St.Galler Premiere von Francisco Obietas Tango-Oper «Nausikaa und Odysseus» im Pfalzkeller bewiesen. Leicht hat es der Komponist, der in der Region vielfältig aktiv ist, den Protagonisten nicht gemacht. Nausikaa und Odysseus sind anspruchsvolle Partien. Joana Elena Obieta, Tochter des Komponisten, hat ihre Rolle als junge Liebende vom Gesanglichen her weniger opernhaft, dafür mehr musicalmässig ausgelebt, überzeugend präsent. Der kraftvolle, leidenschaftliche Tenor des Griechen Konstantinos Printezis bildete den intensiven Gegenpart.

Odysseus ist hin- und herge­rissen zwischen der Einladung von Nausikaa und seinen Treuegedanken der Ehefrau Penelope gegenüber, von der er seit vielen Jahren wegen Krieg und Irrfahrt getrennt ist. Diese unbekanntere Episode aus Homers Epos lädt Obieta mit seiner Musik emotional dicht auf. Mit wiederkehrenden Tonfolgen, darunter einer oft eingesetzten in Halbtönen absteigenden Skala. Da hört man gekonnte Rückgriffe auf die frühe Moderne des frühen 20. Jahrhunderts, aber auch atonale, experimentelle Passagen.

11 Bilder
Christian Hettkamp

Bild: Michel Canonica

Symbiose von Tango und Zeitgenössischem

Mit seiner Musik gelingt es Obieta stets, die Gefühle und die Zerrissenheit seiner Figuren mit direkten Konturen zu zeichnen. Was stark dazu beiträgt, dass die auf Spanisch gesungene Oper kurzweilig daherkommt, sind die gekonnten Tango-Einlagen. Hier kann man sich von schwierigen Gefühlslagen immer wieder erholen. Zeitgenössisches und Tango verzahnt der argentinische Komponist gekonnt. Aus der Symbiose entstehen intensive Belcanto-Passagen, präzis auf die Hauptrollen zugeschnitten. Obietas Musik lotet das Traumverlorene, das Illusorische farbig aus. Die Momente, in denen Odysseus zwischen Traum und Realität, Wunsch und Illusion schwankt, gehören zu den musikalisch stärksten.

Tango ist ein integrierender Bestandteil der Odysseus-Oper. Im Bild die Tänzerin Claudia Grava.

Tango ist ein integrierender Bestandteil der Odysseus-Oper.
Im Bild die Tänzerin Claudia Grava.

Ein gelungener Kunstgriff der Inszenierung (Christian Hettkamp) ist die konsequente Integration eines virtuosen Tango-Tanzpaares. Claudia Grava und Martin Birnbaumer agieren als Alter Egos des Gesangsduos, drücken die Stimmung über den Körper aus. Das gibt der schlicht und ohne Bühnenbild gehaltenen Oper auch eine sinnlich erholsame Note. Sehr präsent und engagiert hat sich das musikalische Quintett präsentiert: mit den Geigerinnen Johanna Pfister und Regula Litschig, Gisela Keel (Klavier), Jonathan Blaty (Bandoneon) und Francisco Obieta (Kontrabass).

Nochmals Samstag, 20 Uhr, Pfalzkeller, St.Gallen