«In seinen Filmen lebt er weiter»

Regisseur Stefan Jäger hat mit «Der grosse Sommer» eine leichte Komödie inszeniert. Er erinnert sich an die letzten Dreharbeiten mit Mathias Gnädinger. Und erzählt, wie man auf der grössten Kreuzung von Tokio eine Szene dreht.

Andreas Stock
Drucken
Teilen
Stefan Jäger mit Mathias Gnädinger bei den Dreharbeiten zu «Der grosse Sommer»: «Er hat gerne Szenen unterschiedlich wiederholt.» (Bild: pd/Grischa Schmitz)

Stefan Jäger mit Mathias Gnädinger bei den Dreharbeiten zu «Der grosse Sommer»: «Er hat gerne Szenen unterschiedlich wiederholt.» (Bild: pd/Grischa Schmitz)

Stefan Jäger, das war eine spezielle Situation. Seit April 2015, als Mathias Gnädinger gestorben war, mussten Sie über einen Film reden, den noch niemand gesehen hatte?

Stefan Jäger: Ja, das war schon sehr anders als bei früheren Filmen. Ich hatte gemerkt, wie ich versuchte, «dieses Kind» zu beschützen, weil es so etwas wie ein Vermächtnis ist. Mir war dabei immer wichtig zu betonen, dass es kein Film ist, worin es um den Tod geht. Das ist ein Feel-Good-Movie, das einen hoffentlich vergessen lässt, dass Mathias Gnädinger nicht mehr lebt.

Hat sein Tod den Film noch irgendwie verändert, beispielsweise beim Schnitt?

Jäger: Nein, eigentlich kaum. Der Rohschnitt war fertig, und Mathias wollte ihn sich noch ansehen kommen. Beim Schneiden gab es keinen Moment, den ich hätte weglassen müssen, weil Mathias nicht gut darin gewesen wäre. Den grössten Einfluss hatte sein Tod auf die Filmmusik. Angelo Berardi, der den Soundtrack zu fast allen meinen Filmen gemacht hatte, wollte darauf reagieren. Obwohl klar war, dass es eine Musik sein musste, die sommerlich sein und nicht Trauer über seinen Tod erhalten sollte.

Zwischen dem 10jährigen Loïc Sho Güntensberger, der den Bub Hiro spielt, und Mathias Gnädinger harmoniert und funkt es gut. Mussten Sie die beiden manchmal sogar ein bisschen bremsen?

Jäger: Nein, es war eher Mathias, der Loïc gelegentlich sagte, er brauche jetzt noch einen Moment, um sich zu konzentrieren. Aber er hatte die Energie des Buben geliebt. Loïc hat manchmal bis zur Sekunde, in der ich «Action» gesagt habe, das Chalb gemacht. Dann ist er blitzschnell in seine Rolle geschlüpft.

Wie haben Sie Loïc vorbereitet?

Jäger: Theo Plakoudakis, einer der Drehbuchautoren, hat mit mir das Casting gemacht. Er ist Berner und Schauspieler und hat mit ihm während drei Wochen in den Sommerferien intensiv geprobt. Loïc ist ja Rapperswiler und hat extra Berndeutsch für den Film gelernt. Er ist anders als seine freche Filmfigur Hiro und es hat ihm Spass gemacht, in so eine Figur zu schlüpfen.

Brauchte denn ein Mathias Gnädinger noch Regieanweisungen?

Jäger: Mathias hatte mir bei unserem zweiten Film, «Hunkeler und der Fall Livius», gesagt, ich würde die Nuancen sehen, die er mir anbiete. Er hatte das sehr geschätzt und gerne Szenen unterschiedlich wiederholt. Es gibt nun Momente im Film, die mich sehr glücklich machen. Weil Mathias darin so präsent und präzis ist. Für mich wurde mit jedem Film die Zusammenarbeit mit ihm schöner. Man spürte einfach, dass er gerne Schauspieler war.

Ihr Porträt «Die Liebe seines Lebens» zeigt nochmals beeindruckend Gnädingers Rollen-Vielfalt.

Jäger: Es ist wirklich unglaublich, was er alles gemacht hat. Selbst in kleinen Nebenrollen, wie im «Grünen Heinrich» ist er brillant.

Dann hat diese Hommage auch Ihnen einen wenig bekannten Gnädinger eröffnet?

Jäger: Ja, tatsächlich, ich habe gestaunt darüber, was ich alles nicht kannte. Es hat mich nachdenklich gestimmt: Wie gehen wir mit unseren Stars um? Obwohl sich Mathias selber nicht als Stern, sondern als Mond gesehen hat; weil ein Mond reflektiert und er nicht aus sich selber etwas erschafft. Er hat so viel hinterlassen, und das alles gibt es ja noch. In seinen Filmen lebt der Schauspieler weiter.

Was bleibt Ihnen von diesen letzten Dreharbeiten in Erinnerung?

Jäger: Ich hatte Mathias Gnädinger bei unseren Filmen zuvor noch nie so glücklich und präsent erlebt. Es hat ihm in Japan ausgesprochen gut gefallen. Er schätzte unter anderem die Natur dort sehr, die Reisfelder und Bambuswälder.

Es gibt eine dramatische Szene auf einer riesigen Kreuzung in Tokio. Wie dreht man denn so etwas?

Jäger: Dafür erhält man keine Drehgenehmigung, das muss man einfach machen! Es war eine Herausforderung, darum haben wir die Szene minutiös vorbereitet. Wir haben sie mit der Crew zuerst komplett durchgespielt, wobei zwei die Rollen der Darsteller übernommen haben. Erst danach haben wir das mit Mathias, Loïc und den Statisten um sie herum gedreht. Dadurch verlief es reibungslos.

Der Film zieht aus dem Aufeinanderprallen des Schweizers mit der japanischen Kultur viel Witz. Wie ist es Ihnen selbst ergangenen?

Jäger: Wir sind sehr behütet gewesen. Wir hatten eine japanische Crew, die bereits mehrfach westliche Filmteams betreute. Die wussten genau, was wir brauchten und was möglich war. Doch Drehbuchautor Theo Plakoudakis war vor Jahren in Japan und hat ohne Guide dieselbe Reise von Tokio auf die Insel gemacht. Er hatte manchen Fauxpas begangen, die er dann ins Drehbuch geschrieben hat.

Aktuelle Nachrichten