In Pink geflutet

Reto Boller macht Kunst, die Reibungsfläche bietet – aktuell im Kunstzeughaus in Rapperswil. Seine Arbeit mit Abfall hat apokalyptische Züge, ist aber dennoch zukunftsträchtig. Ursula Badrutt Schoch

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Mit pinker Folie aus dem Baumarkt irritiert Reto Boller. (Bild: pd)

Mit pinker Folie aus dem Baumarkt irritiert Reto Boller. (Bild: pd)

Noch sieht man nichts Genaues. Aber das Obergeschoss im Kunstzeughaus in Rapperswil-Jona scheint neu. Alles ist in rosa Licht getaucht, dabei sind wir sicher, keine rosa Brille zu tragen. Haben sie dem offenen Raum mit dem eigenwillig geschwungenen Lichtgiebel einen neuen Anstrich verpasst? Ein paar Schritte die Treppe hoch und die Quelle der Veränderung liegt uns ausgebreitet zu Füssen. Ein grosser Teil des Raumes ist mit einer glänzenden Folie in schrillem Pink ausgelegt.

Mit Wucht übergeschwappt

Die Flut in Pink zieht sich an der Wand hoch, schwappt über. Und nicht genug; sie nimmt den Luftraum in Beschlag, die Atmosphäre, die Besucherinnen und Besucher. Und da die Flut nicht zu betreten ist, bestimmt sie auch die Bewegungen des Publikums.

Das sind nicht einfach ergötzende Farberlebnisse. Reto Boller bietet Reibungsfläche, widerspricht. Er verändert vorgegebene Situationen und Objekte aus dem Alltag von Baumarkt und Werkstätte, dass sie Fragen wecken, auch unbequeme. Die rote Flut bedrängt. Und nervt in ihrer Dominanz und Ambivalenz. Dass der abgezogene Klebefolienschutz sich als weitere Arbeit in Form eines Berges und somit als Skulptur hinter der Stellwand verbirgt, und nicht als Abfall entsorgt ist, öffnet den Blick in die Nonchalance des Vorgehens des 1966 geborenen Künstlers.

Architektur mit Aufsetzpunkt

Fast beiläufig hat Reto Boller unter Einbezug verschiedener Materialien das künstlerische Spartengefüge neu interpretiert. Es sind über zehn Jahre her, dass Reto Boller im Katherinen in St. Gallen neue, bunt leuchtende Malerei zwischen Minimalismus und Kaugummi gezeigt hat, die sich noch weitgehend am Format des Tafelbildes orientierten.

Unterdessen ist seine Befragung der Möglichkeiten der Malerei einer umfassenderen Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung im Raum gewichen. Die Ausstellung «Aufsetzpunkt» im Kunstzeughaus (bis 19. Juni) aktiviert in ihrer ambivalenten Leseart unsere Sinne. Wo sie aufsetzt, gibt es eine Bremsspur, beginnt die Wirkung der Werke, werden Assoziationsfelder geöffnet.

Anstelle eines narrativen Titels gibt es manchmal Buchstaben und Zahlen als Hinweise auf die Entstehungszeit und auf eine Art Schlagwort, meist aber beschränkt sich der Künstler auf die Auflistung der Materialien.

Doch trotz dieser vordergründigen Sachlichkeit bleibt das Publikum nicht unbeteiligt. Das mit lackierten Pneus gefüllte Lagergestell erinnert an gut laufende Autogaragen, aber auch an unser dauerndes Entsorgungsproblem. Der zum Bild gewordene Schutzhelm signalisiert, dass das heute noch verbreitete Schutzbedürfnis bald ausgedient haben wird.

In der Öde gelandet

Substrate unserer Dingwelt scheinen als Zukunftsvision inszeniert, als Blick in eine Welt der Entleerung und Sinnlosigkeit. Der silberne Stern – mit Schraubzwingen zusammengehaltene Abfallteile – ist vom Himmel gefallen und in der Öde gelandet; pardon: im Kunstzeughaus. Sein Aufsetzpunkt hinterlässt keine schwarzen Gummispuren, höchstens ein Loch, aber zusammen mit all den anderen Dingen weckt er die Vermutung, dass das Farbenprächtige des Optimismus aus früheren Zeiten des Künstlers und der Welt Düsterem oder zumindest Ernüchterung gewichen ist.