Jazz
In New York gestählt: Der Aargauer Saxofonist Christoph Huber

Der 32-jährige Christoph Huber hat sich für sein Debütalbum «Heir» Zeit gelassen. Umso stärker ist es jetzt geworden.

Stefan Künzli
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Der Aargauer Musiker Christoph Huber in seinem Atelier in Basel mit Blick auf die Roche. Hier tüftelt er mit neuen Sounds.

Der Aargauer Musiker Christoph Huber in seinem Atelier in Basel mit Blick auf die Roche. Hier tüftelt er mit neuen Sounds.

Tatjane Rüegsegger

Schon vor acht Jahren, am Festival Jazzaar, hatte der heute 32-jährige Christoph Huber für Aufsehen gesorgt. Mit dem amerikanischen Gaststar Chico Freeman lieferte er sich dort ein Duell auf Augenhöhe und bestach durch seinen Formsinn, spielte virtuos und doch überlegt und souverän. Seither galt der Tenor-Saxofonist als ein Versprechen für die Zukunft. Die Zukunft hat etwas gedauert. Denn erst jetzt erscheint sein erstes «richtiges» Album als Bandleader.

Als Sohn des bekannten Rupperswiler Pianisten Felix Huber wurden ihm und seiner singenden Schwester Corinne der Jazz in die Wiege gelegt. Sein Talent wurde früh erkannt, doch Christoph Huber liess sich Zeit. An der renommierten Jazzschmiede, dem Berklee College of Music in Boston, schloss er 2011 sein Studium ab, doch mit dem Jazz-Ausweis wollte er sich nicht zufriedengeben. «Ich wollte mein Instrument durch und durch beherrschen», sagt er und übte bis acht Stunden am Tag auf seinem Instrument. «Es war sehr intensiv», sagt er rückblickend, aber erst danach fühlte er sich bereit, um sich in New York, der Hauptstadt des Jazz, mit den Topcracks zu messen und zu bewähren.

Drei Jahre in New York unter Strom

In New York fand er schnell Anschluss, lebte in Uptown Manhattan, spielte in den ortsbekannten Jamclubs wie «Fat Cat» und «Smalls» und gab kleinere Konzerte. «Ich wollte spielen, spielen, spielen», sagt Huber. Hier in New York hat er 2012 mit New Yorker Musikern denn auch «Melode», seine erste CD unter seinem Namen, aufgenommen. Eine Art Demo-CD mit zeitgenössischem «Straight-ahead»-Jazz, der einen ersten Eindruck seines instrumentalen Potenzials gab.

New York ist eine harte Schule. Nur die Stärksten können bestehen. Huber hat es immerhin drei Jahre durchgehalten. Drei Jahre auf Achse, drei Jahre unter Strom, drei Jahre Unsicherheit. Er hat alles aufgesaugt und in sich brodeln lassen. «Es war eine einmalige Erfahrung, eine intensive Zeit, die ich nicht missen möchte», sagt er, «aber so richtig angekommen bin ich dort nicht.» Noch einmal, 2017, ging er für die Aufnahme seiner vierteiligen Suite «I Am Sound» (Siehe Youtube) mit den hochkarätigen Musikern Philip Dizack (Trompete) und Gilad Hekselmann (Gitarre) nach New York. Doch seit vier Jahren ist er zurück in der Schweiz.

Als Sideman ist er in unzähligen Projekten gefragt. So auch im Avantgarde-Pop-Projekt Divvas seiner Schwester Corinne und in der Familienband Huber Trio mit Corinne und seinem Vater. Im letzten Jahr gab er im Kompositionsauftrag «Ikarus, stirb oder flieg!» für «Tanz und Kunst Königsfelden» seine erste grosse kompositorische Visitenkarte ab und gründete sein eigenes Quartett mit den hochkarätigen Musikern Florian Favre, Lukas Traxel (Bass) sowie Paul Amereller oder Rico Baumann (Schlagzeug). In diesen Tagen erscheint «Heir», der Erbe. Huber meint damit das kulturelle Erbe, das einem Künstler mit auf seinen Weg gegeben wird. Es ist, wie Huber ausführt, ein Bekenntnis zur Tradition, die er aber weiterentwickeln und weitergeben möchte. Es beschreibt dabei seinen eigenen Prozess, indem er zuerst aufgenommen hat, was war, bevor er jetzt seine eigene Stimme, seinen eigenen Sound präsentiert.

«Heir» verdeutlicht diese Entwicklung, diesen Prozess der Selbstfindung, denn das Album unterscheidet sich stark von seiner Demoarbeit vor acht Jahren. Die Musik ist atmosphärisch und stilistisch offen. Aktuelle Beats und Grooves weisen auf R’n’B und Hip-Hop und orten den Sound im Hier und Jetzt. Huber bewegt sich weg vom Jazz und ist trotzdem noch Jazz. «In dieser Band geht es auch ums Spielen, um die Interaktion», sagt er. Huber klingt auf seinem Tenorsax heute luftiger und feiner, oft mit einem schwebenden Ton. Der Musiker hat sich lange erkundet, umso überzeugender ist sein heutiger Beitrag in der nationalen Spitzenklasse des Jazz.

Förderbeitrag des Aargauer Kuratoriums

Das Saxofon ist immer noch wichtig, der Bandsound gewinnt aber an Bedeutung. «Die Soundästhetik ist im Jazz lange vernachlässigt worden», sagt Huber. Sanft mischen sich in «Heir» elektronische Effekte in den Gesamtklang und deuten an, wohin bei Huber die Reise gehen könnte.

Zunächst war der Musiker in Brittnau noch einen Tag als Musiklehrer angestellt, doch seit August lebt er in Basel als freischaffender Künstler zu 100 Prozent von seiner Musik. Hier hat er in der ehemaligen Mensa der Firma Sauter ein Atelier mit herrlichem Blick auf die Roche gefunden, wo er sich ausschliesslich seiner Musik widmet. Hier stehen auch eine Reihe von elektronischen Geräten, in die er sich während des Lockdown vertieft hat und mit deren Hilfe er das Spektrum seines Saxofonspiels erweitert. Eben hat Huber vom Aargauer Kuratorium einen Förderbeitrag für sein Solo-Programm erhalten. Die Zukunft hat begonnen.

Christoph Huber’s Heir Live: 3.12. Jazzclub Aarau: 12.12. Isebähnli Baden.