In naher Ferne, so tief unten

Andreas Feininger studierte Architektur am Bauhaus, lernte bei Le Corbusier und wurde einer der berühmtesten Fotografen des letzten Jahrhunderts. Das Zeppelin-Museum Friedrichshafen zeigt sein beeindruckendes Werk.

Valeria Heintges
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Die Linien und das querstehende Boot: «Chicago River und Wacker Driver, Chicago», 1941 (Bilder: •AndreasFeiningerArchive.com, c/o Zeppelin-Museum Friedrichshafen)

Die Linien und das querstehende Boot: «Chicago River und Wacker Driver, Chicago», 1941 (Bilder: •AndreasFeiningerArchive.com, c/o Zeppelin-Museum Friedrichshafen)

«Andreas Feininger» steht auf der schlichten Visitenkarte, darunter «Photographer». In der Mitte der «Life»-Schriftzug, weiss auf rotem Grund. Die Karte liegt unscheinbar in einer der Vitrinen des Zeppelin-Museums Friedrichshafen, das noch bis 8. März unter dem Titel «Aus weiter Ferne» mit 565 Fotos fast das gesamte Werk von Andreas Feininger (1906–1999) zeigt.

Zwei Jahrzehnte «Life»-Fotograf

Als festangestellter «Life»-Fotograf ist Andreas Feininger am Ziel seiner Wünsche angekommen. Das New Yorker Magazin ist in den 1940er- bis 1960er-Jahren das Nonplusultra der Fotografie. Zwei Jahrzehnte lang, von 1943 bis 1961, wird Feininger festangestellter Fotograf sein, bevor er die Freude am Publizieren entdeckt, Bildbände und Dutzende Lehrbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen übersetzt werden und Titel tragen wie «Feininger on Photography» oder «Motive im Gegenlicht». Noch kurz vor seinem Tod am 18. Februar 1999 sitzt der 92-Jährige an der Schreibmaschine.

Andreas Feininger wird 1906 in Paris geboren. Er ist amerikanischer Staatsbürger, weil die Familie seines Vaters, dem Maler Lyonel Feininger, emigriert war. Über Frankreich kehren sie nach Deutschland zurück. Der Sohn ist rebellisch, fliegt von der Schule, macht eine Lehre als Kunsttischler, studiert dann Architektur in Weimar und bei Dessau.

Klare Formen, gerade Linien

In der Bauhaus-Umgebung der klaren Formen und geraden Linien wächst Andreas Feininger auf, beginnt zu fotografieren, weil er seine Architektur dokumentieren will. In den 30er-Jahren werden die Arbeitsbedingungen immer schlechter. Die Eltern – Mutter Julia ist Jüdin – emigrieren nach New York, Andreas schafft es, mit Vermittlung von Bauhaus-Gründer Walter Gropius, Mitarbeiter im Atelier von Le Corbusier in Paris zu werden. Bis auch der keine Ausländer beschäftigen darf. Mit seiner Freundin, der Schwedin Gertrud (Wysse) Hägg, mit der er 66 Jahre zusammenleben wird, zieht Feininger nach Stockholm, macht sich dort einen Namen als Architekturfotograf, bevor die Familie nach New York auswandert.

Am 16. Dezember 1939 legt ihr Dampfer am Brooklyn-Dock an. Immer und immer wieder wird Feininger das Motiv fotografieren. Die New Yorker Skyline, die Wolkenkratzer mit ihren vertikalen, scheinbar endlosen Linien, die ineinander stürzen und sich in Strassenschluchten verlieren. Es ist höchster Ehrgeiz des Architekten, die Linien nicht verzerrt, sondern in ihrer ganzen Strebsamkeit zu zeigen.

Hoch hinaus steigt er dafür, auf die höchsten Etagen schleppt er seine Ausrüstung, zeigt die Stadt in naher Ferne, tief unten. Doch Linien allein genügen ihm nicht. Er sucht die Störmomente: Dampfer, die vorbeifahren, vorzugsweise Rauch ausstossen, der windgetrieben durchs Bild schrägt. Oder Wetterphänomene: Wolken, die die Skyscraper verschlucken, Eis, das sich in dicken Schichten auf Takelagen ablagert. Schnee, der die Bilder aufzulösen scheint, ihrer rigiden Strenge pure Leichtigkeit entgegensetzt. Den Schnee setzt Feininger immer wieder auch als natürliches Kontraststeigerungsmittel ein. Denn er fotografiert – auch noch als hochbetagter, hochgefeierter Mann – immer nur Schwarz-Weiss.

Drang, alles zu beherrschen

Das hängt auch mit Feiningers Perfektionismus zusammen, seinem Drang, alles zu beherrschen. Als Herr in seiner eigenen Dunkelkammer hat er die Kontrolle über das Bild von Anfang bis Ende. Erst als ihm in der «Life»-Redaktion ein perfektes Labor zur Verfügung steht, gibt er seine Bilder ab. Vorher entwickelt er selbst – und baut auch seine Kameras selbst.

Ein von ihm erfundenes Vergrösserungsgerät aus Holz, mit dem er die Papierbelichtung regulieren kann, geht später in der Firma «Leisegang» in Serie. Um auch mit grossen Entfernungen umgehen zu können, baut er eine Telekamera aus zwei ineinander verschiebbaren Holzkästen. Jetzt kann er die Skyline aus zwanzig Kilometern Entfernung ablichten – mit einer Tiefenschärfe im kleinsten Detail, die auch für moderne Betrachter atemberaubend ist.

565 Fotografien nebeneinander

565 Fotografien in einem Raum, über- und untereinander gehängt und in scheinbar endlosen Reihen – die Ausstellung in Friedrichshafen erschlägt ihre Besucher. Weil sie so umfassend ist, die Bilder so dicht hängen. Vor allem aber, weil ein jedes von ihnen von künstlerischer und technischer Perfektion zeugt.

Nur selten hat Feininger Menschen porträtiert. Aber im Alter entdeckt er die Schönheit der Natur. Nicht in der Landschaft draussen, sondern im Studio: Wie unter dem Mikroskop zeigt er maximale Eleganz in minimaler Grösse. Die Windungen eines Schneckenhauses, das Gebiss eines Hais, der Rückenwirbel einer Kuh – Feininger zeigt ihre Schönheit jenseits jeder Funktionalität.

Aus weiter Ferne. Andreas Feininger – das fotografische Werk, bis 8.3, Zeppelin-Museum Friedrichshafen. www.zeppelin-museum.de

Die späten Naturbilder: Eisberge? Pilze? «Zähne eines Sandhais», 1951.

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Das geliebte New York: «Finanzbezirk, Pine Street, New York», 1940.

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