In memoriam Martin Sigrist:
Für den Mann im Rock war Musik ein stetes Fliessen

Er hat das Jugendorchester Oberthurgau zu einem Leuchtturm in der Ostschweizer Musiklandschaft gemacht. Jetzt ist der charismatische Dirigent, Komponist und Pädagoge 76-jährig in Schaffhausen verstorben.

Martin Preisser
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Martin Sigrist (1943–2019) Bild: PD

Martin Sigrist (1943–2019) Bild: PD

«Schnarchen, ranggen und kratzen» würde er nachts, beschrieb sich Martin Sigrist auf der Homepage der Schweizer Musikedition selbst. In einer Notiz hat er aufgeschrieben, was sich in seinem Leben erfüllt habe, «trotz anders lautender Vorhersagen»: «Die Liebe zur Musik wuchs immer mehr. Die Akzeptanz als Mann im Rock hat sich manifestiert», liest man da.

Sigrist, von 1965 bis 2008 Leiter des Jugendorchesters Oberthurgau, war im besten Sinne ein Exzentriker, ein Freidenker, ein Künstler, der seine ganz eigene Lebensphilosophie entwickelte. Dass er immer im langen Rock unterwegs war, daran störte sich niemand mehr. Der Rock war zu seinem natürlichen Markenzeichen geworden, vielleicht auch zum eigenen Symbol für die Suche nach persönlichem Sinn.

Romanshorn als befreiender Ort

Der Dirigent, Geiger und Komponist wurde 1943 am Thunersee geboren. Der Vater war Briefträger und hat mit fast dreissig noch Geige gelernt. Das Instrument hatte ihm jemand geschenkt. Sohn Martin lernte Geige bereits mit sechs. Nach dem Schulabschluss ging er nach Romanshorn, wo ihn die Musikerin Emmi Deutsch als Gotte annahm, seinen Wunsch Musiker zu werden, unterstützte und auch fürs Musikstudium aufkam. Romanshorn war für Martin Sigrist, aus der von ihm empfundenen Enge seiner Heimat kommend, damals wie eine Befreiung.

«Um zu mehr innerer Freiheit gelangen zu können, musste ich auch immer wieder Grenzen verschieben», wird der charismatische und bescheidene Musiker in der Todesanzeige zitiert. Grenzen hat er gesprengt bei der Arbeit mit Jugendlichen. Unzählige Musikliebhaber im Thurgau und in der Ostschweiz pilgerten über Jahre in die Konzerte des Jugendorchesters Oberthurgau, das Sigrist in Romanshorn als ehemaliges kirchliches Orchester übernahm. Besonders beeindruckend war jeweils, wie er die jungen Menschen für moderne Musik, für Zeitgenössisches begeistern konnte. Musik war für den Dirigenten wie ein stetes Fliessen, ein Fluss, in den man nur einzutauchen brauchte. Der letztes Jahr verstorbene Thurgauer Musiker Hartmut Wendland hat über die Arbeit Sigrists mit dem Orchester gesagt:

«Martin Sigrist hat einen Diamant geschaffen»

Martin Sigrist war ein Mensch, der nicht in gängige Muster passte und auch nicht passen wollte. Das Vertrauen auf die Kraft der Musik war es, mit der er auch viele Geigenschüler von Romanshorn über Kreuzlingen bis Schaffhausen begeisterte.

Von ihm selbst, der bei Robert Blum in Zürich sein Theorielehrerdiplom ablegte und auch beim Komponisten Klaus Huber studierte, liegt eine lange Reihe von Kompositionen vor, nicht traditionell, sondern stets modern und voller überraschender Einfälle. Ein Stück für Violine und Streichorchester heisst etwa «Backform», eine Hommage an Vivaldi und mit einer Backanleitung von Salvador Dalí.

Ein unkonventioneller Künstler

Höhepunkte in der Geschichte des Jugendorchester Oberthurgau, seit 1984 ein Verein, waren zwei Tourneen in die Toscana. Und immer wieder wurde dieses spezielle Ensemble ausgezeichnet, etwa im Jahr 2000, als es den ersten Preis beim Schweizer Jugendorchester-Wettbewerb erzielte. 2008 übergab Sigrist das Orchester an Gabriel Estarellas Pascual, der es inzwischen zum symphonischen Klangkörper ausbaute.

Ein unkonventioneller, aber immer empathischer und sich auch für die Schwächeren einsetzender Mensch ist nach einer erfolgreichen Herzoperation in Schaffhausen plötzlich verstorben. Martin Sigrist lebte für die Musik und die Musikpädagogik, uneitel und ohne Konkurrenzdenken gegenüber Kollegen. Wer je ein Konzert mit ihm gehört hat, wird diese Lebendigkeit, diese Natürlichkeit, mit der Musik den Raum erfüllte, nicht mehr vergessen. «Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich sehe den Tod als Verwandlung», hat Martin Sigrist einen Monat vor seinem Ableben gesagt.

Den Diamanten schleifen

50 Jahre alt wird das Jugendorchester Thurgau. Gegründet von Martin Sigrist, wird es heute von Gabriel Estarellas Pascual geleitet. Das Orchester gehört zu den Leuchttürmen in der Region. Trotzdem ist es noch viel zu wenig bekannt.
Martin Preisser