In Liebesdingen falsch verbunden

Bereits zum dritten Mal inszeniert der Italiener Nicola Berloffa am Theater St. Gallen einen grossen Opernstoff. In Verdis «Don Carlos» stirbt eine Monarchie – Berloffa konzentriert sich auf das Zerbrechen der Familie.

Bettina Kugler
Merken
Drucken
Teilen
Auf vertrautem Terrain: Regisseur Nicola Berloffa im Foyer des Theaters St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Auf vertrautem Terrain: Regisseur Nicola Berloffa im Foyer des Theaters St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Es gibt kein Draussen in der Welt, die Nicola Berloffa und Bühnenbildner Fabio Cherstich für Verdis «Don Carlos» entworfen haben. Anders als im Libretto bewegen sich ihre Figuren in einem düsteren Kammerspiel – und das ist wörtlich zu nehmen. Alles spielt sich in Innenräumen ab; auf engem Raum ist das Sterben einer Monarchie, der Untergang einer Familie zu erleben.

Glaubt man dem Humoristen und Opernkenner Loriot, dann sind die Figuren dieser Oper vor allem Opfer «einer verfehlten Europapolitik» – und zwar in ihren intimsten Herzensangelegenheiten. Philipp II. von Spanien heiratet aus Staatsräson Elisabeth von Valois, die seinen Sohn Don Carlos liebt. Dieser wird umgarnt von der Prinzessin Eboli, der Geliebten seines Vaters. Alle sind in Liebes- und Familiendingen falsch verbunden, weil das Politische ins Private hineinregiert; im Hintergrund tobt ein Kampf um Machterhalt und Freiheit.

Rastlose Handlung, «demokratische» Musik

Das macht die Handlung des «Don Carlos», wie Loriot in seinem «Kleinen Opernführer» schmunzelnd resümiert, «eindrucksvoll, aber mit Musik eben doch wohl besser als ohne». Für Modestas Pitrenas, Chefdirigent des Sinfonieorchesters und Musikalischer Leiter der ersten Opernpremiere der neuen Spielzeit am Theater St. Gallen, steht das ausser Frage. Mag er im Herzen eher Wagner zugeneigt sein, dem grossen Antipoden unter Verdis Zeitgenossen, so fasziniert ihn an «Don Carlos» die direkte Linie zwischen der Sturm-und-Drang-Vorlage Friedrich Schillers, dem revolutionären Geist Beethovens und Verdis unmittelbar verständlicher, «demokratischer» Musik. «Sie steht nie still, in jeder Arie wird die Handlung weitergetrieben.» Pitrenas vergleicht es mit einem Fries – während sonst die Arien meist Momentaufnahmen eines Gefühls, einer Stimmung seien.

König Filippo wird zur interessantesten Figur

Regisseur Nicola Berloffa liest Verdis ursprünglich für die Opéra de Paris komponiertes Werk vor allem als Familiendrama – was auch damit zu tun hat, dass in St. Gallen die Mailänder Fassung auf die Bühne kommt: eine von vier auf drei Stunden gestraffte Version, in der Verdi den ersten Akt strich, auf opulente Balletteinlagen verzichtete und neue Arien komponierte. Die unglückliche Liebe zwischen dem Infanten Don Carlos und Elisabetta rücke hier mehr in den Hintergrund, sagt Berloffa, sie werde zum Erinnerungsmotiv – während die Figur des Königs Shakespearehafte Dimensionen entfaltet. «Im Laufe der Proben wurde Filippo immer dominanter; die Oper könnte auch nach ihm benannt sein». Gewachsen und gereift sei die Figur mit dem Bass Tareq Nazmi. «Er ist ein phänomenaler Darsteller, seine äussere Erscheinung und seine sehr moderne Art zu spielen befreien die Rolle von tradierten Klischees.»

Ein Diamant mit verborgenen Facetten

Für Nicola Berloffa liegt ein wesentlicher Reiz seiner Arbeit darin, sich von den Sängern überraschen zu lassen – und seine Inszenierungen andernorts, mit anderer Besetzung, für Akzentverschiebungen offenzuhalten. Eine Oper sei wie ein Diamant mit vielen Facetten, sichtbaren und zunächst unsichtbaren. Welche in einer Arbeit aufblitzen, das hänge von den Umständen ab – und von der Konstellation der Theaterfamilie.

«Don Carlos» ist Berloffas dritte Produktion in St. Gallen. Zuvor inszenierte er hier «Carmen» und «Norma» – grosse Opern für ein vergleichsweise kleines Haus. In seinen Anfängen hat er mehr leichte, komische Opern inszeniert; gerade fühlt er sich mehr zu den tragischen Stoffen hingezogen. «Die Projekte müssen zur Lebenssituation passen, im Moment sagt mir ein Rossini einfach nicht so viel.»

Premiere Sa 27.10., 19.30 Uhr, Theater St. Gallen