In jedem steckt ein Romeo

Aus Hector Berlioz' dramatischer Chorsinfonie «Roméo et Juliette» macht Beate Vollack am Theater St. Gallen eine grosse Oper für Tänzerinnen und Tänzer. Am Samstag feierte das Stück Premiere und erntete anhaltenden Applaus.

Bettina Kugler
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Sie tragen die Handschrift der Liebe: Roméo (Andrew Cummings) und Juliette (Kim Tassia Kreipe). (Bild: Andreas J. Etter)

Sie tragen die Handschrift der Liebe: Roméo (Andrew Cummings) und Juliette (Kim Tassia Kreipe). (Bild: Andreas J. Etter)

Wie eine Grabplatte wirkt die leicht angeschrägte weisse Rückwand, die Marie-Jeanne Lecca für die St. Galler Erstaufführung von Hector Berlioz' dramatischer Chorsinfonie «Roméo et Juliette» entworfen hat. Ein Hintergrund, kühl wie der Tod, der sich schon viele geholt hat in dieser Fehde verfeindeter Familien. Doch die Schemen von Männerkörpern scheinen auf dem Sprung zu sein. Sie drängen nach oben und seitwärts, hängen starr in der Luft: ein gefrorener Moment höchster Lebendigkeit. Einmal leuchten sie zu einer kraftvoll und schnell getanzten Sequenz in kaltem Neonlicht auf, dann wieder liegen sie vielsagend still wie Kreide-Umrisse von Leichen an einem Tatort.

Ein schillerndes Zwitterwesen

Der «Tatort» ist künstlerisch hinreichend untersucht: Shakespeares Verona, Schauplatz der Liebestragödie um Romeo und Julia. Doch in der musikalischen Nacherzählung nimmt sich die Version des eigenwilligen Franzosen Berlioz viel Freiheit. Was wiederum der Choreographie und Inszenierung von Beate Vollack reichlich Entfaltungsspielraum eröffnet. Auf die Bühne kommt ein schillerndes Zwitterwesen, laut Partitur für grosses Orchester, Chor und drei Sänger; eine «Sinfonie, die eine Oper verschluckt hat», so schreibt der Musikwissenschafter und Berlioz-Forscher Daniel Albright. Wenn man genauer hinhört, kann «Roméo et Juliette» noch weitaus mehr sein: eine Oper, die strukturell aus dem Rahmen fällt – und Tanz generiert.

Aus der Liebe geboren

Anschaulich wird das gleich zu Beginn in der «Geburt» des Liebespaares. Die Liebe selbst, in lyrischer Intensität verkörpert durch Altistin Kismara Pessatti, bringt Romeo und Julia in dieser ersten Szene hervor. Kim Tassia Kreipe und Andrew Cummings rollen unter dem üppigen Stoff ihres Rockes hervor, gleichsam als Prototypen der Liebenden– denn die Choreographie wird es in den neunzig Minuten der feinnervigen, emotional komplexen Musik nicht bei dem einen Paar belassen, auch wenn es immer im Mittelpunkt bleiben wird.

Von Anfang an streckt der Tod (Tenor Derek Taylor) die Hand nach Julia aus, während die Liebe unbeirrt schreibt – in grossen Schwüngen mit rabenschwarzer Feder. Ausstatterin Marie-Jeanne Lecca setzt diese Grundidee der Inszenierung sehr direkt in den Kostümen um: Leichte, papierweisse Kleider und Anzüge werden von Szene zu Szene dichter beschriftet. Die Paare ringen derweil mit geschmeidiger Energie um die Freiheit von jeglicher Festschreibung.

Das Paar in sieben Spielarten

Jeder von uns könnte Julia oder Romeo sein: Diese Überzeugung bewegt die Choreographie. Damit schmiegt sie sich innig und vielgestaltig der Musik an, saugt sie förmlich auf – und behauptet sich doch mit Leichtigkeit. Sehr präsent ist neben den drei Vokalsolisten in ihrer Erzählerrolle auch der darstellungsfreudige Chor als Handlungsträger. Beate Vollack stellt ihn nahezu gleichberechtigt auf die Bühne und nutzt die Chorszenen vor allem im ersten Teil für ein reizvolles Versteckspiel.

Chor als Handlungsträger

Viele Tanzszenen lösen sich in beiläufiger Dynamik aus dem Chor heraus; so changiert das Stück immer wieder zwischen Oper und Tanz. Als Capulets und Montagues, als Bürger von Verona, als Trauergemeinde zeigen der Chor des Theaters St. Gallen und der Theaterchor Winterthur ein weites Ausdrucksspektrum zwischen elegantem Parlando, Dramatik und hohem Pathos (Einstudierung: Michael Vogel). Ihr Wortführer ist Levente Páll mit majestätisch abgeklärtem Bass: als Pater Lorenzo und Allegorie des Friedens, der erst am Grab geschlossen wird.

Zwischen Traum und Spuk

Das Sinfonieorchester St. Gallen mit Attilio Tomasello am Pult trägt einen wesentlichen Teil zur Suggestivkraft der Bilder bei, besonders in den Traumsequenzen. Während Romeo und Julia schlafen, nach der tänzerisch so intensiven, raffiniert vervielfachten «Scène d'amour», hat die Musik das Wort und nimmt noch einmal das Scherzetto aus dem ersten Teil auf – eine überaus heikle, mitreissende Orchesterpassage, szenisch klug umgesetzt. Beate Vollack lässt das Paar in der Bühnenmitte ruhen und zeigt im Hintergrund parallel ihre wahnhaften Träume.

Nach dem assoziativ-verspielten Meret-Oppenheim-Stück «X = Hase» in der Lokremise erweist sich die neu formierte Tanzkompanie mit «Roméo et Juliette» als einem grossen dramatischen Stoff gewachsen. Dafür gab es am Premierenabend anhaltenden, begeisterten Applaus für die Tänzerinnen und Tänzer – und für Beate Vollack als spartenübergreifende Choreographin.