In ihrem neuen Buch denkt die Thurgauer Autorin Zsuzsanna Gahse schreibend über die Welt nach: «Nirgendwo ist eines der traurigsten Wörter»

Unter dem Titel «Andererseits» sind jene drei Reden der Müllheimerin erschienen, die sie im Rahmen der Salzburger Poetikvorlesung gehalten hat. Sie sind ein Schlüssel zu ihrem Denken und Werk: Es geht um die Zeit, um den Ort, um den Raum.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Schreibt über Zeit, Ort, Raum: Zsuzsanna Gahse.

Schreibt über Zeit, Ort, Raum: Zsuzsanna Gahse.

Bild: Donato Caspari

Mit demselben Satz beginnt Zsuzsanna Gahse ihre drei Reden, die sie im März 2019 an der Stefan-Zweig-Poetikvorlesung in Salzburg hielt und die nun als schlankes, aber reiches Buch vorliegen: «Jetzt bin ich hier bei Ihnen in Salzburg.» Und dieser schlichte Satz spricht die drei Themen an, um die es der Schriftstellerin aus Müllheim geht: um die Zeit, um den Ort, um den Raum.

«Topografie», die erste Rede, hebt so an: «Das Gegenteil von hier ist nirgendwo, und das ist eines der traurigsten Wörter. Auch überall ist nicht gerade erheiternd, denn die Gefahr, sich im Überall zu verlieren, ist gross.» Solche Sätze sind kennzeichnend für Zsuzsanna Gahse. Sie denkt schreibend über die Welt nach, sie assoziiert die Welt mit dem Wort, sie spiegelt die Welt im Wort. Zsuzsanna Gahse erzählt sehr viel in ihren über dreissig Büchern, auch wenn sie dem klassischen Erzählen widersteht, widerspricht. Denn es geht ihr weniger um Handlung als um Reduktion und Auslassung und so regt sie den Leser geradezu an, über ihre Sätze hinauszudenken. Sie schreibt:

«Es gibt endlos viel zu erzählen und im Erzählen tauchen ständig Querbeziehungen auf, die Gedanken können überallhin abdriften.»

Ein herrliches Beispiel gibt die Autorin, als sie vor der Abreise zwei Freunde trifft, S. und T., und sich mit ihnen über das Wo unterhält. Das Wort Fussnoten fällt und T. schaut zu seinen Füssen hinab, «zu seinen wie immer butterweichen schönen Schuhen».

Laut-Lust und Vokal-Gelüste

Zsuzsanna Gahses liebt gedankliche Abzweigungen. Solche Gedanken findet sie auch bei zahlreichen Autoren, die ihr ständiger Begleiter sind: Cervantes oder Ilse Aichinger, Gertrude Stein oder Richard Sennett. Sie zitiert sie nicht, sie erzählt sie nach: «Der Versuch, in die Texte, in die Geschichten und Kompositionen von anderen hineinzukriechen, die einem wichtig sind, ist ein anregender und im wörtlichen Sinn aufschlussreicher Versuch.»

In ihrer zweiten Vorlesung «Tempo» widmet sich Zsuzsanna Gahse dem Jetzt, der Gegenwart, der Zeit an sich. Sie spielt mit den Wörtern Tempus und Tempo, denn das Wann sei wichtiger als das Wo; sie redet von musikalischer Sprache und unmusikalischen Autoren. Für sie sind klingende Wörter reich, wie sie sie etwa in ihrem letzten Buch «Siebenundsiebzig Geschwister» beschworen hat. Zsuzsanna Gahse redet schon da den genetischen Verwandtschaften der Wörter das Wort. Sie diskutiert in einer Ode an die Etymologen die allgegenwärtige Vorsilbe Ge- in Gesicht, Gebirge, Geliebter; sie lebt ihre Laut-Lust und Vokal-Gelüste aus, denn alle Laute sind Gene, also «kleinste Bausteine, energiegeladene Voranstürmer».

Das Theater im eigenen Kopf

«Was im eigenen Kopf alles stattfindet!»: In ihrer dritten Vorlesung «Theater» widmet sich Zsuzsanna Gahse Vorstellungsbühnen, also dem Theater, das im eigenen Kopf stattfindet – wie in manchen ihrer Bücher. Auftritt Nathalie Sarraute, George Tabori, Ödön von Horváth, Ernst Bloch, das Ich als Maskerade, das Grosshirn und das Zwischenhirn, Männerfiguren und eine Bühne vor dem Fenster, wie sie die Autorin schon 2004 in «Durch und durch» über ihren Wohnort Müllheim beschworen hat. Sie ist überzeugt, «dass die Sprache von sich aus Szenen bildet».

Zsuzsanna Gahse ist sich trotz aller Querverweise bewusst: «Der Text muss auch ohne die miterzählten Hintergründe seine Aufgabe erfüllen und klare Vorstellungen liefern.» Doch der Augenblick, das Jetzt, dürfe nicht übersehen werden. Sie ist der lebende Beweis dafür – «Andererseits» ist der beste Beweis dafür.

Zsuzsanna Gahse: Andererseits. Sonderzahl, 139 S., Fr. 24.–