In Finken auf einen anderen Stern

Neben sicheren Werten wie «Peter und der Wolf» und «Orchesterführer für junge Leute» hat Musikvermittler Karl Schimke auch Experimente auf dem Saisonprogramm von «jugend@tonhalle». Das erste führt in die Stiftsbibliothek.

Bettina Kugler
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Noch trägt er Jeans und Kapuzenjacke: Marcus Schäfer (links) als Mönch Notker – mit Musikvermittler Karl Schimke in der Stiftsbibliothek. (Bild: Peter Käser)

Noch trägt er Jeans und Kapuzenjacke: Marcus Schäfer (links) als Mönch Notker – mit Musikvermittler Karl Schimke in der Stiftsbibliothek. (Bild: Peter Käser)

ST. GALLEN. So aufgeregt wie vor der laufenden Saison war Karl Schimke noch nie. Dabei könnte sich der Musikvermittler des Sinfonieorchesters St. Gallen entspannt zurücklehnen und über den bereits geglückten ersten Streich freuen: Sergej Prokofjews Musikmärchen «Peter und der Wolf», in einer neuen Mundartversion von und mit der Theater- und Hörspielautorin Pamela Dürr, wurde vor restlos ausverkauftem Haus gespielt.

Schon im Frühjahr war das Konzert für Jugendliche mit Filmmusik von John Williams ein voller Erfolg; daran will das Sinfonieorchester mit einem zweiten Kinoklassiker-Programm anknüpfen. Und mit Benjamin Brittens «Orchesterführer für junge Leute» und Pjotr Tschaikowskys «Nussknacker» als Kinderkonzerte im November und Dezember setzt Karl Schimke auf sichere Werte.

Rendez-vous mit Mönch Notker

Aber er experimentiert eben auch gerne, probiert im Kinder- und Jugendbereich Neues aus. Dass Stiftsbibliothekar Cornel Dora mehr Leben ins Weltkulturerbe, namentlich den altehrwürdigen Barocksaal bringen möchte, liess sich Schimke nicht zweimal sagen. Zumal die Stiftsbibliothek kürzlich Filzfinken in Kindergrösse angeschafft hat: Die sollen nicht im Schrank muffig werden, sondern aufs Parkett. Schon reifte die Idee für ein szenisches Konzert rund um den St. Galler Mönch Notker und um die Erfindung der Neumen.

«Dürr an Leib» soll Notker gewesen sein, «aber nicht an der Seele», und so steht er jetzt leibhaftig am Eingang zum Barocksaal, in Jeans und grauer Kapuzenjacke: Schauspieler Marcus Schäfer. Kurz nach fünf Uhr ist es, die letzten Besucher sind gegangen; wie eine geheimnisvolle Bücherhöhle wirkt die Bibliothek im herbstlich-grauen Dämmerlicht. Schäfer und Schimke schlüpfen in die Finken, nehmen Standorte und Distanzen in Augenschein, und los geht es mit der ersten Leseprobe. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich Marcus Schäfer als mittelalterlichen Mönch vorzustellen; «er passt perfekt», findet Karl Schimke. Immer noch hat er jedesmal eine Gänsehaut, wenn er hier in der «Seelenapotheke» steht. Den Zauber des Raumes zu vermitteln ist Schimke ebenso wichtig wie Text und Musik.

Abenteuer Mittelalter

Damit es aber auch musikalisch Hand und Fuss hat, sind renommierte Spezialisten für mittelalterliche Musik mit von der Partie: Die spanische Harfenistin und Sängerin Arianna Savall und ihr Ensemble. Dreimal wird das Konzert gespielt, zweimal für Schulklassen; die Platzzahl ist aus feuerpolizeilichen Gründen auf hundert Kinder je Vorstellung begrenzt.

Natürlich dürfen die Kinder nicht, wie wir an diesem Nachmittag probeweise, die schmale Wendeltreppe hinauf auf die Galerie. Viel zu gefährlich! Doch für Karl Schimke ist allein schon der Ausflug ins Mittelalter ein echtes Abenteuer. «Wenn man bedenkt, dass Notker Christus zeitlich näher war, als wir Notkers Zeit sind, dann verwundert es nicht, dass die Musik dieser Zeit für uns tönt wie von einem anderen Stern.»

Schlaflose Nächte macht ihm das aber nicht – er freut sich darauf. Noch offener ist der Ausgang seines zweiten grossen Experiments der «jugend@tonhalle»-Saison: das «K-Projekt». «K» steht für Komposition – die gibt es derzeit nämlich noch gar nicht. Zwei Schulklassen aus St. Gallen und Bischofszell, die eine Mittelstufe, die andere Oberstufe, werden sie in Zusammenarbeit mit zwei Kompositionsstudenten der Zürcher Hochschule entwickeln. «Das wird sehr spannend», ist Karl Schimke überzeugt.

Schüler komponieren selber

Gerade läuft das Projekt an, die beiden Jungkomponisten Lukas Senn und Janos Mijnssen gehen zum erstenmal in die Klassen und bringen als Ausgangsstück Melodiefetzen mit. Danach begleiten zwei Orchestermusiker, Bratschistin Stefanie Medeiros und Fagottist Rüdiger Schwedes, die Forschungsarbeit mit der Melodie. Vor Weihnachten sind wieder die Komponisten dran: vor Ort, im Schulhaus.

Am Ende soll «K» im Gespräch mit dem Publikum vorgestellt und weiterentwickelt werden. Ein organisatorischer Albtraum sei das, sagt Schimke, doch den nimmt er in Kauf. Zumal es im April noch richtig lustig wird: Mit Humor und Scherz in der Musik, von Mozart & Co.