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In einem Atemzug mit Weimar

Uttwil entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zur Künstlerkolonie am Bodensee. Margrit Stickelberger erklärt Besuchern mit Hingabe, warum sich hier Grössen wie Henry van de Velde oder Carl Sternheim versammelten.
Valeria Heintges
Traum im Blütenmeer: In dieser Villa in Uttwil lebte der Dramatiker Carl Sternheim 1919 bis 1929. (Bilder: Valeria Heintges)

Traum im Blütenmeer: In dieser Villa in Uttwil lebte der Dramatiker Carl Sternheim 1919 bis 1929. (Bilder: Valeria Heintges)

UTTWIL. Margrit Stickelberger ist eine begnadete Erzählerin. Seit die gebürtige Luzernerin von Zürich nach Uttwil gezogen ist, hat sie sich zur hervorragenden Werberin für den malerischen Ort am See entwickelt. Zu viele fragten sie damals, ob sie nach Huttwil, Uzwil oder Uznach gezogen sei – «daraufhin habe ich mich ein wenig kundig gemacht», erzählt sie ihren Besuchern, die auf einer «Blustfahrt», einem historisch-literarischen Streifzug durch den Thurgau, auch bei ihr haltgemacht haben.

Uttwil auf dem U2-Cover

«Uttwil war für eine kurze Zeit eine richtige Künstlerkolonie», erzählt Stickelberger im Haus «Seeburg» und präsentiert zum Beweis für die Mystik des Ortes ein Schwarz-Weiss-Foto von Hiroshi Sugimoto vom Bodensee, das es auf ein Cover der Band U2 geschafft hat. «Sugimoto hat es dort auf dem Steg fotografiert», sagt Stickelberger und zeigt aus dem Fenster.

Die Seeburg, erklärt Stickelberger, ist eines der Salzhäuser, erbaut von der Handelsdynastie Dölli, die den Ort gross gemacht hat. Die Döllis waren Spediteure, vor allem Salzhändler, für das sie das Monopol hatten und das sie per Schiff in die Welt hinaus lieferten. Als das Monopol fiel, versuchten sie, den Ort als mondänen Badeort zu etablieren, Stickelberger spricht von «hundert vorzüglichen Betten», die auf drei Hotels verteilt waren.

«Das Ganze war ein Traum»

1917 spazierte der belgische Architekt und Designer Henry van de Velde durch Uttwil. Dabei entdeckte er das sogenannte Schlössli, direkt am See gelegen, «ein altes, unbewohntes Patrizierhaus in einem herrlich verwilderten Garten», schreibt er. «Das Ganze war ein Traum, wie geschaffen für einen poetisch empfindenden Künstler, der für seine Familie mit fünf Kindern ein Obdach sucht», wie ihn Manfred Bosch in seinem opulenten Buch «Bohème am Bodensee» zitiert. Und Obdach suchte er, denn er war, obwohl Mitbegründer der Werkbund-Bewegung, als Leiter der Weimarer Kunstakademie abberufen worden.

Van de Velde erwarb das «Schlössli», weil er eine Art Kunstschule aufbauen und Schüler um sich scharen wollte. «Jetzt wird Uttwil in einem Atemzug mit Weimar genannt», sagt Margrit Stickelberger, «da bin ich immer sehr stolz.»

Van de Velde vermittelte, dass Ernst Ludwig Kirchner in Kreuzlingen in die Klinik von Ludwig Binswanger gehen konnte. Margrit Stickelberger zeigt einen Holzschnitt, den der Künstler vom Direktor der Klinik anfertigte. Und ein wunderbar farbiges Bild, das Kirchner von einer Aufführung der Ausdruckstänzerin Mary Wigman fertigte und das den Band «Briefe an Nele» ziert. Mit Nele van de Velde, der Tochter des Architekten, verband Kirchner eine langjährige (Brief-)Freundschaft.

Auch wegen der Klinik zogen Künstler in die Gegend, etwa der elsässische Schriftsteller René Schickele, der das Haus «Margrit» in Uttwil kaufte, oder der Dramatiker Carl Sternheim, dessen Stücke «Die Hose» oder «Die Kassette» heute noch auf Theaterspielplänen auftauchen.

Auch die Mann-Kinder kommen

Sternheim geniesst das Leben am See «losgelöst von diesem infernalischen deutschen Lärm» sehr. Seine Gästeliste lässt staunen: Der Maler Conrad Felixmüller war in seinem Haus, ebenso Pamela Wedekind und Erika und Klaus Mann. In Klaus Mann soll sich Sternheim «ein bisschen verliebt» haben, erzählt Stickelberger. Er sei eben, sagt sie, «ein vielfältig interessierter Künstler gewesen».

Die illustre Runde trifft sich im Schlössli bei van de Veldes. Der Schriftsteller Norbert Jacques berichtet, in dem Haus waren «die Stühle derart auf Linie gebracht, statt auf Bequemlichkeit, dass wir bald dazu übergingen, uns neben sie auf den Fussboden zu setzen, um zuzuhören».

Leiser Spott für den Dichter

Die Hochphase der Uttwiler Künstlerszene währt nur sechs Monate: Van de Veldes deutsche Guthaben werden gesperrt; er zieht ins holländische Arnheim, um am Privatmuseum Kröller-Müller zu bauen. Die Inflation vertreibt auch Schickele. Er vermietet sein Haus an Carl Sternheim, der aber bald in ein kleines Gartenhaus und von dort in eine traumhafte Villa am See zieht. Hier arbeitet er auch an seinem Lustspiel «Die Schule von Uznach». «Hinter Uznach verbirgt sich eindeutig Uttwil», sagt Stickelberger und muss lächeln, weil sie die ewige Ortsverwechslung auf die Art erneut einholt.

Für das Werk hat sie nur leisen Spott übrig, würdigt Sternheim als einen Dichter, der «einen neuen Stil schaffen will – das ist ja immer mühsam für den Leser», und berichtet, dass der Dichter seine Mitmenschen so geplagt habe, dass seine Frau Thea, die alles abtippen musste, ihrem Tagebuch anvertraute: «Welch ein Auftrieb für dies Resultat.»

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