In Donizettis Belcanto- Werkstatt

Das «Donizetti-Projekt» im Rahmen der St. Galler Festspiele warf einen intimen Blick auf den Opernschöpfer, mit berührenden Facetten.

Merken
Drucken
Teilen

Donizetti ist der grosse Belcanto-Komponist, weniger der begnadete Kammermusik-Schreiber. Und doch: Im Rahmen der Festspiele auch diese unbekanntere Seite zu zeigen, hat sich gelohnt: Wie in der Werkstatt erlebte man anhand der instrumentalen Behandlung von Donizettis Belcanto-Ideen dessen Belcanto-Philosophie quasi in Miniaturform abseits der grossen Opernbühne.

Es spricht für die hohe Qualität der Mitglieder des Sinfonieorchesters St. Gallen auch im kammermusikalischen Bereich, dass unter ihrem Spiel so manch überraschendes und berührendes Detail von Donizettis Kammermusik in klarstes Licht rückte.

Betörend: Das Englischhorn

Butterweich haben im instrumentalen Terzett Marc Fournel (Flöte), John Dieckmann (Fagott) und eine mit wunderbarer Pianissimo-Kultur anschlagende Claire Pasquier am Flügel von St. Laurenzen echten Belcanto gezaubert, mit bläserisch perfekt ausgesungenen Details.

Kammermusik eines Opernschöpfers wie Donizetti muss man völlig ernst nehmen, damit sie wirkt. Das tat auch Michel Rosset, der in einem Concertino das kammermusikalisch so vernachlässigte Englischhorn ins rechte Licht rückte. Warum führt es ein Schattendasein? So viel weniger scharf, so viel weniger näselnd als manchmal die Oboe, so viel wärmer liess es Rosset zum Belcanto aufklingen.

Packend: Donizettis Lamento

Eine Entdeckung war das 18. Streichquartett von Donizetti (mit Robert Dumitrescu, Yoko Ishikawa, Emilian Dascal und Mariann Hercegh Dumitrescu). Und gerade weil hier Belcanto nicht den dominierenden Ton angibt, liess sich Donizettis Meisterschaft im an Haydn orientierten Quartett-Können ermessen. Da ist manches epigonal, aber dieses Quartett zeigt berührend gesetzte Moll-Stimmung, zeigt den Mut zu spannenden Harmonien, zeigt die Kunst hier eher introvertierter Italianità, die sich mit klassischer Satztechnik interessant amalgamiert.

Echter Belcanto durfte in diesem Konzert vorgestern natürlich nicht fehlen. Zwei Nummern aus Donizettis «Linda di Chamounix» und «Don Pasquale» zeigten Majella Cullagh und Manuela Custer, schwungvoll von Roberto Forno korrepetiert, einmal weg vom Klosterplatz als beeindruckende Meisterinnen ihres Fachs. Und ein heimlicher Höhepunkt des Kammermusikabends bei den St.

Galler Festspielen war das Lamento über den Tod Bellinis, von Manuela Custer in grossen packenden Bögen, mit Stil und Noblesse dargeboten. Diese Perle machte Appetit auf das Donizetti-Requiem, das ebenfalls auf Bellinis Tod Bezug nimmt. Martin Preisser