Erfolgsautorin
In diesem Roman gibt es Mutterliebe nur noch aus dem Fernseher

Ein früher Roman der amerikanischen Autorin Meg Wolitzer erzählt von einer nur durch den Bildschirm zusammengehaltenen Familie. Bereits in diesem Frühwerk kommen die besonderen Qualitäten dieser Erfolgsautorin zum Vorschein.

Bernadette Conrad
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US Autorin Meg Wolitzer vermittelt eindrücklich das Gefühl existenzieller Verlorenheit.

US Autorin Meg Wolitzer vermittelt eindrücklich das Gefühl existenzieller Verlorenheit.

Leonardo Cendamo/Getty

Es ist in diesem Roman eine traurige Wahrheit, dass man sich von Eltern, die nie richtig da waren, viel schwerer löst als von verfügbaren. Verstärkt kommt hinzu, dass auch Schwestern in ihrer emotionalen «Unterversorgtheit» füreinander kein Trost sein können. Das tönt dann so: «Warum bist du nicht ständig müde?, hätte sie ihre Mutter gern gefragt. Sie selbst schaffte es manchmal kaum durch den Nachmittag. Auf dem Weg vom Chemiesaal in die Freistunde hörte sie im Kopf Musik im Rhythmus ihrer Schritte: tiefe, rülpserartige Tuba-Töne, das Herannahen eines Nashorns oder Elefanten in einer gestrichenen Passage von ‹Peter und der Wolf›. Als hätte sich der Komponist gedacht: Es sind sowieso schon zu viele Tiere, da behalte ich lieber die schnellen, leichten.»

Dass ihre Mutter Dottie als berühmter Comedian-Star auf den Fernsehbildschirmen in ganz Amerika ihr eigenes, in lustige Pünktchenkleider gehülltes Übergewicht zum Gegenstand ihrer Witze macht und dem allgemeinen Gelächter preisgibt, hilft ihrer älteren Tochter Erica rein gar nichts. Mit schwerem Körper und schweren Gedanken quält sich Erica durch die High School. Ganz anders ihre kleine Schwester Opal, die immer – egal, was sie tut – zu den «Beliebten» zählt. «So war es nun mal. Gleich in den ersten Tagen ihrer Schulzeit war für jeden eine Rolle festgeschrieben worden, der sie alle in den folgenden Jahren zu entsprechen versuchten.»

Die beiden unterschiedlichen Schwestern schlagen sich im New York der 1970er-Jahre durch. Familie? Gibt es nicht. Und so verzehrt sich die kleine, später jugendliche Opal, vor den Fernseher gekauert, nach der vor Witz und guter Laune sprudelnden, ach so fernen Mutter. Familie? Die gibt es nur virtuell, in jenen kostbaren Momenten, wenn Dottie ihren Töchtern aus irgendeiner Sendung einen Gruss herüberschickt.

Die Härten und Schmerzen des Lebens mit Witz gepackt

Meg Wolitzer, geboren 1959, war 29, als «This is Your Life» erschien. Es war bereits ihr dritter Roman. Schaut man heute auf dieses frühe Werk der bekannten Romanautorin, scheint es, als ob sowohl dessen Stärken als auch Schwächen auf Wolitzers junges Alter zurückverweisen. Ganz nah dran an der Verletzlichkeit und Orientierungslosigkeit der Heranwachsenden, gelingt es ihr eindrücklich, das Thema grundlegender Verlorenheit zu vermitteln. Eine Verlorenheit, die sich im Erwachsenwerden nicht auflöst, sondern vertieft. Erica versumpft in der Gemeinschaft mit einem lieblosen Schulfreund, der irgendwann sein Glück im Dealen mit Hasch und Koks findet. Während sie den Kontakt zur Mutter abbricht, sich ihr aber körperlich immer mehr angleicht, bleibt Opal, die Angepasstere, eng an die ewig unverfügbare Mutter gebunden und traut sich nicht hinein in ein eigenes Leben.

Vielleicht hätte man das kürzer und schärfer erzählen können. Vielleicht auch nicht. Meg Wolitzer ist auch hier schon eine Könnerin eines unterhaltsamen Erzählstils gewesen. Eines klugen Erzählens, in dem sie die Härten und Schmerzen des Lebens nicht selten in Witz und Situationskomik verpackt.

Meg Wolitzer: Das ist dein Leben. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. 378 S., Dumont 2020.