«In diesem Raum ist eine Bombe»

Ein beklemmender Moment, ein Puddingwunder und ein Sieger mit viel Phantasie: Am Wochenende sind die 17. Slam-Poetry-Meisterschaften in Bielefeld über die Bühnen gegangen. Ein Besuch in fünf Geschichten.

Lukas G. Dumelin
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Die beste Schweizerin: Hazel Brugger.

Die beste Schweizerin: Hazel Brugger.

Er tigert auf und ab, die Arme verschränkt, den Kopf in den Nacken gelegt, und er schaut auf zur Betondecke des Bunkers, die grün und gelb schimmert vom Licht der Neonröhren. Bald ist er dran, Lars Ruppel. Seit Jahren ist der 28jährige Deutsche unterwegs auf den Bühnen, ein genauer Alltagsbeobachter, ein begnadeter Dichter, einer der besten der deutschsprachigen Slam-Poetry-Szene.

Den Bunker Ulmenwall gebaut haben die Nationalsozialisten, hierher gebracht hat man die Verwundeten des Zweiten Weltkriegs. Seit den 1950er-Jahren ist der Bunker ein Ort für Kultur – und jetzt ist es Freitag, 19.17 Uhr. Gleich wird Lars Ruppel einen Text vortragen über Herrn Specht, der zeitlebens kein anderes Lob hört ausser «Nicht schlecht». Dreieinhalb Stunden später wird er dann mit seinem Team «Bottermelk Fresch» den Sieg holen. Julian Heun, Bleu Broode und er werden dastehen in einem Saal, ein paar hundert Meter entfernt vom Bunker, sich in den Armen liegen, drei von 150 Poeten, die an den 17. deutschsprachigen Meisterschaften in Bielefeld auftreten. Noch tigert er aber auf und ab, und sagt: «Is' echt viel los diese Woche.»

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Bielefeld liegt zwischen Ruhrgebiet und Hannover. Manche sagen: «Bielefeld gibt's gar nicht.» Der Satz geht angeblich auf Informatikstudenten in Norddeutschland zurück, die das Gerücht einst ins Internet geschrieben haben – mit nachhaltiger Wirkung. Wenn ein Lokführer der Deutschen Bahn den Halt in Bielefeld vergisst, spassen nämlich viele: Wie soll denn einer auch halten in einer erfundenen Stadt?

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Die Slam-Meisterschaften zeigen: Erfunden sind nicht Städte, sondern Geschichten. Der grösste Erfinder ist der Sieger im Einzelwettbewerb, Jan Philipp Zymny, ein Erfinder absurd-lustiger Geschichten. Im ersten Durchgang des Finals am Samstag erhält er 0.1 Punkte weniger als Lars Ruppel. Im Stechen erhält Zymny dann 0.1 Punkte mehr für die Performance des Textes «Die Verwunderung der Menschen über die Tiere», nach der es keinen mehr erstaunte, wenn Jan Philipp Zymny auch der Pizzaburger-Erfinder wäre: ein Tiefkühlprodukt, innen Pizza, aussen Burger, fast so schräg wie ein Zymny-Text.

Vor jeder Slam-Runde ist ein Werbespot gelaufen, und die Slammer haben «Pizzaburger, Pizzaburger» skandiert, aus Begeisterung oder Ablehnung oder beidem. Jedenfalls hat ausgerechnet ein Sponsor mit dem Pizzaburger den Stoff geliefert, aus dem die gesellschaftskritischen Slam-Geschichten sind. Dieser Sponsor heisst Dr. Oetker und hat den Hauptsitz in Bielefeld. Der Konzern produziert unterdessen viel mehr als Backpulver und Tiefkühlpizza. Zur Oetker-Gruppe gehören auch Biermarken, Hotels und Containerschiffe. Im Südosten Bielefelds empfängt das Unternehmen Besucher zu einer Führung, und allein die PR-Sprache eines Prospekts würde – vorgetragen auf einer Bühne – für Lacher sorgen: «Während Ihres Rundgangs erwartet Sie eine frischgerührte Leckerei aus unserem faszinierenden Puddingwunder.» Doch das Wunder leckte: Aus dem grossen Automat in Form eines Vanillepuddings trat Wasser aus.

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Die wahre ostwestfälische Spezialität ist Pickert, nicht Pudding. Pickert gibt es im «Seekrug» in Schildesche, einem alten Bauernhaus, 1614 erbaut, abgebrochen und an einem künstlichen See im Norden Bielefelds wiederaufgebaut. Der Pickert-Teig besteht aus Hefe, Wasser, Mehl, Eiern und Kartoffeln, und gegessen werden die Fladen mit Leberwurst, Quark, Gurken und Schinken. Oder – wie auf der Karte des «Seekrugs» steht – «mit hausgemachtem Apfelmus von geklauten Äpfeln».

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Dort, wo Sulaiman Masomi zur Welt gekommen ist, gibt es keine Pickert, dafür Krieg. Als Kind ist der 34-Jährige von Afghanistan nach Deutschland geflohen, und nun steht er im Final. «In diesem Raum ist eine Bombe», sagt er. «Hört ihr nicht, was ich sage? In diesem Raum ist eine Bombe.» Masomi hat die Kapuze des Pullis über den Kopf gezogen. Er wisse, wovon er rede, wenn er von Bomben erzähle: Er komme aus Kabul. Masomi ver- und entschärft seine Aussagen zugleich. Im Saal, sagt er, seien 1000 Bomben, jeder Zuschauer sei eine, und «der Text ist nur ein Spiegel, den ich auf die Bühne stelle». Denn gefährlich seien nicht Migranten wie er, sondern die Zuschauer selber: Um nicht zu explodieren, machen sie Grenzen dicht und sperren Flüchtlinge ein auf Lampedusa.

Masomis Text zeigt, dass Slam nicht nur lustig, sondern auch ernst sein kann. Das unterscheidet ihn von Comedy. Comedians lenken durch Lacher vom Leben ab. Slam-Poeten lenken davon nicht ab: Sie hinterfragen das Leben, und manchmal lösen sie Beklemmung aus. Mit einem Text über Bomben. Mit Texten in Bunkern, die einst vor Bomben geschützt haben.

Tiefgekühlt in den Backofen: Pizzaburger.

Tiefgekühlt in den Backofen: Pizzaburger.

Ihre Meinung zählt: Zuschauer mit Noten.

Ihre Meinung zählt: Zuschauer mit Noten.

Der neue Champion: Jan Philipp Zymny. (Bilder: Sven Stickling/lgd)

Der neue Champion: Jan Philipp Zymny. (Bilder: Sven Stickling/lgd)

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