In die Schule mit Kunst

Ein ganz unscheinbares, wenn auch einfühlsames Kunst-am-Bau-Projekt wurde bei der Sanierung der Schulanlage Krontal realisiert. Dem Künstler und langjährigen Kunsterzieher im Schulhaus Krontal, Diogo Graf, gilt die von Alex Hanimann umgesetzte Arbeit.

Brigitte Schmid-Gugler
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Ausschnitt aus dem zwischen den Schulgebäuden aufgemalten Raster von Alex Hanimann. (Bilder: Keller.Hubacher)

Ausschnitt aus dem zwischen den Schulgebäuden aufgemalten Raster von Alex Hanimann. (Bilder: Keller.Hubacher)

Es könnte eine Einladung sein zu einer Partie Himmel-und-Hölle-Spiel: Der weisse Raster breitet sich schräg aus zwischen Turnhalle und Schulhaus. So eng an den Mauerkanten entlang, dass einem auch ein schwerer Perserteppich in den Sinn kommt, der just die richtigen Masse hat. Doch hier sind die innerhalb des Rasters jeweils leicht verschobenen Linien direkt auf den Asphalt gemalt und bilden quasi einen «Teppich» zwischen dem Aussen- und dem Innenraum.

Der Raster ist Teil des Kunst-am-Bau-Projekts, welches die Architekten Keller und Hubacher gemeinsam mit dem Künstler Alex Hanimann realisierten. Das Schulhaus (erstellt 1884/85 von Josef Stieger) und die Turnhalle (erstellt 1910 von Eugen Schlatter), waren im Auftrag der Stadt zwischen 2004 und 2007 saniert worden, nachdem man beschlossen hatte, das frühere Oberstufenschulhaus künftig als Primarschule zu nützen.

Die Schulräume mussten den Bedürfnissen der Kinder angepasst und die ganze Anlage modernisiert werden. Unmittelbar neben dem breiten Treppenhaus wurde ein Lift eingebaut. Der kleine Raum ist bestückt mit je einem PET-Flaschen- und einem Aludosen-Abfallbehälter. Gegenüber der Lifttüre ist eine grosse Anschlagtafel angebracht.

Kindern Kunst vermittelt

Der Raum bliebe einfach ein unscheinbarer kleiner Transitbereich, wenn da nicht plötzlich das Licht anginge: An der Decke wird ein Bild sichtbar, das auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen scheint. Die gescannte, vergrösserte, ins Negativ umgewandelte, auf ein Plexiglas gedruckte Schwarz-Weiss-Fotografie aus den 50er-Jahren liegt in einem von Neonlicht beleuchteten Kasten, der das ganze Quadrat der Decke ausfüllt – er ist Installation und Leuchtkörper in einem.

Wir sehen Kinder zwischen den Schulbänken; die Mädchen tragen Schürzen und leichte Jäckchen; die Buben kurze Hosen und Hemden, es dürfte Sommer gewesen sein. Einige melden sich mit aufgestrecktem Finger zu Wort, jemand zeigt mit einem langen Holzstab an eine mit Zeichnungen behangene Wand. Es handelt sich um geometrische Muster, um Rasterbilder, die der Lehrer Diogo Graf seine Klasse anfertigen liess. Graf, er lebte von 1896 bis 1966, unterrichtete während Jahrzehnten im Schulhaus Krontal und war ein begnadeter Kunsterzieher. Als Kunstschaffender hatte er es lange schwer gehabt, Beachtung zu finden. Zuletzt richteten ihm 2007 Kultur am Bahnhof und zu Beginn dieses Jahres Margrit Oertli Gedenkausstellungen aus.

Von Graf zu Hanimann

In seinem im Jahr 1943 erschienenen Buch mit dem Titel «Kinder machen Ornamente» breitete er seine Theorie aus über das ureigene Gefühl der Kinder für ornamentales Gestalten. Ein weiteres Werk für den Unterricht, welches er gemeinsam mit dem Schulreformer Karl Stieger erarbeitet hatte, erschien im Jahr 1958. Darin findet sich auch jene Fotografie, die Hanimann als Vorlage für seine Lichtinstallation diente.

Da es bei Um- und Neubauten zu den städtischen Gepflogenheiten gehört, wenn möglich ein Prozent der Bausumme für Kunst am Bau aufzuwenden, wurde die für solche Angelegenheiten zuständige Arbeitsgruppe beratend eingesetzt. Man wusste um die prägende Vergangenheit des Künstlers Diogo Graf in dieser Anlage und tat gut daran, ihn und sein Werk in ein Kunst-am-Bau-Projekt einzubeziehen. Alex Hanimann, der sich in seinem eigenen künstlerischen Schaffen oft mit Rastern, Textstrukturen und Bildern beschäftigt, schien ihnen der richtige Kandidat für die Umsetzung. Er besah sich die Schriften des Künstlers, der zur Avantgarde der Ostschweizer Kunstszene seiner Zeit gehörte, und liess sich inspirieren.

Kindheitserinnerungen

Neben der Arbeit im Aussenbereich und der Leuchtinstallation lässt sich in der Turnhalle ein dritter «Graf» entdecken. Auch für diese Arbeit wählte Hanimann drei Vorlagen aus dem ersten Buch des Pädagogen und Künstlers, der die ersten fünf Jahre seines Lebens in Brasilien verbracht hatte. Diese frühen Eindrücke scheinen auf in den archaisch anmutenden ornamentalen Figuren, die Hanimann vergrössern liess und mit Aluminiumfarbe in die hoch gelegenen Nischen von drei früheren, später zugemauerten Fenstern malte.

Die als Leuchtinstallation an der Decke angebrachte Fotografie von Diogo Grafs Schulstunde.

Die als Leuchtinstallation an der Decke angebrachte Fotografie von Diogo Grafs Schulstunde.

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