In Dickens' Welt

Museum Strauhof Rastloses Leben, monumentales Werk: Vor dem 200. Geburtstag des grossen literarischen Selfmademans Charles Dickens lockt die neue Ausstellung in Zürich in einen Irrgarten aus Wellpappe. Bettina Kugler

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«Dickens' Traum» von R. W. Buss (1875) zeigt den Schriftsteller in Gesellschaft seiner Romanfiguren. (Bild: pd)

«Dickens' Traum» von R. W. Buss (1875) zeigt den Schriftsteller in Gesellschaft seiner Romanfiguren. (Bild: pd)

Mit einer Kutschenfahrt des zehnjährigen Charles Dickens endet jäh der erste, unbeschwerte Abschnitt seiner Kindheit. «Ich war der einzige Passagier im Inneren der Kutsche und verzehrte meine belegten Brote in Einsamkeit und Trübsal», wird er sich später an diese Fahrt erinnern; «während der ganzen Fahrt goss es in Strömen, und ich fand das Leben weit schmuddeliger, als ich es mir ausgemalt hatte.»

Nach London geht es, in ein anderes Leben: pechschwarz und übelriechend wie «Warren's Blacking» Schuhwichse, die er als kleiner Fabrikarbeiter Tag für Tag in Flaschen füllen und mit Etiketten versehen muss, für sechs Shilling wöchentlich. Der Vater spielt und verschuldet sich, die Mutter gründet eine Schule, ohne Aussicht auf Zöglinge. Als Charles zwölf ist, sitzen die Eltern in Schuldhaft im Marshalsea Prison.

«Please, sir, I want some more»

Selten haben Kindheitserfahrungen so stark die Themenwahl und den erzählerischen Standpunkt beeinflusst wie bei Dickens – weshalb den Kinderjahren in der Ausstellung zum bevorstehenden 200. Geburtstag des populären Romanciers ein besonderes Augenmerk gilt. Natürlich darf hier der Schlüsselsatz aus Dickens' berühmtester Romanszene nicht fehlen. Wer sich langsam durch den ersten Raum vorarbeitet, sieht etliche Male, wie der kleine Oliver Twist im Armenhaus um eine Extraportion Haferschleim bettelt. «Please, sir, I want some more» ist der Skandal, der Dickens zum Schreiben drängt.

Zum einen stachelt «die Schmach der gemeinen Abkunft» Dickens' Ehrgeiz an. Mit Ordnung, Pünktlichkeit, zäher Entschlossenheit und Fleiss wird er sich bald schreibend emporarbeiten: vom stenographierenden Anwaltsgehilfen zum Parlamentsreporter und Theaterkritiker, zum Autor urbaner Feuilletons und Fortsetzungsromane, zum gefeierten Schriftsteller auch jenseits des Atlantiks.

Im Eiltempo durch London

Zum anderen hat Dickens bereits als Zwölfjähriger genug gesehen von den schreienden sozialen Gegensätzen, vom Elend der Armen und Waisen, deren kriminelle Karriere vorgezeichnet zu sein scheint. Jeden Sonntag durchquert der Knabe auf dem Weg zum Gefängnis Marshalsea die halbe Stadt zu Fuss; später sind zwanzig Kilometer Fussmarsch durch Londons Gassen, absolviert in fliegender Hast, eher die Regel als die Ausnahme. Geradezu fotografisch genau speichert er dabei die Stadtlandschaft und ihre Bewohner ab, schafft sich einen literarischen Fundus, aus dem er zeitlebens schöpfen wird. So grosszügig, dass sich «noch heute moderne Autoren an dem, was er gekeltert hat, berauschen», wie Vladimir Nabokov bewundernd bemerkt. Dabei verschärft sich mit den Jahren noch Dickens' soziales Gewissen, wie die Ausstellung anhand von Inhaltsübersichten, Textproben, Ausschnitten von Verfilmungen zeigt: Der exemplarische Selfmademan versöhnt sich keineswegs mit der Gesellschaft, in der er den Aufstieg geschafft hat, sondern wird zu ihrem schärfsten Kritiker.

Dickens, die Ideen-Lokomotive

Oft arbeitet er in seinen Anfängen unter enormem Zeitdruck an mehreren Texten parallel. «Dickens' Talent ist eine furchterregende Lokomotive, an die er auf Gedeih und Verderb gefesselt ist und welche ihn niemals zur Ruhe kommen lässt», wird der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson in der Ausstellung zitiert. Wie sich Dickens' Arbeitsweise im Laufe der Jahre ändert, bis hin zu den grossen Gesellschaftsromanen der beiden letzten Lebensjahrzehnte, für die er detaillierte Skizzenbücher anlegt, lässt sich in der oberen Etage des Strauhofs in Ruhe studieren – gesetzt den Fall, man ist nicht bereits von der Fülle an Informationen, Film- und Tondokumenten aus dem Parterre völlig erschlagen. Den «Geheimnissen des Charles Dickens» auf der Spur, jenen «Leichen im Keller», die sein Werk durchziehen, ist Kurator Thomas Schlachter nämlich durchaus fündig geworden; es braucht dazu vielleicht nicht gerade die Kondition des flinken Stadtspaziergängers Dickens, aber zweifellos sein enormes Aufnahmevermögen.

Ästhetik der Armut

An der Armut und Enge des proletarischen Londons inspiriert sich die Gestaltung der Schau, für die der Strauhof viel zu klein erscheint – und das Zeitbudget des durchschnittlichen Besuchers möglicherweise zu knapp: Stellwände aus Wellpappe, dicht an dicht, führen in einen Kosmos skurriler und herzzerreissender Figuren, schreiten die wichtigen Lebensstationen ab, widmen sich interessanten Nebenschauplätzen – etwa den Illustrationen von George Cruishank und Hablôt Knight Browne, die wesentlich zur Popularität der Romane beitrugen; den legendären Lesungen vor grossem Publikum; der innigen Lebensgemeinschaft, die Dickens mit seinen «Hirngespinsten» pflegte. Auch seine Bewunderer kommen zu Wort – und reizen dazu, den «Unnachahmlichen» neu zu entdecken. Nicht nur in «A Christmas Carol», «David Copperfield» und «Oliver Twist».

Bis 4. März 2012