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In der Stimmungsdemokratie

Der Soziologe Heinz Bude hat ein Buch darüber geschrieben, wie Stimmungen ganze Epochen prägen – und was im Zeitalter der Globalisierung und der Flüchtlingskrise in unserem Innern geschieht.
Rolf App
So kann sich universelle Empörung manifestieren: Demonstrationszug in der St. Galler Altstadt. (Archivbild: Ralph Ribi)

So kann sich universelle Empörung manifestieren: Demonstrationszug in der St. Galler Altstadt. (Archivbild: Ralph Ribi)

Anfang März hat sich bei der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» ein Psychoanalytiker gemeldet und ihr seine Überlegungen zur Flüchtlingskrise geschickt. Die Redaktion hat diesen Matthias Wellershoff darauf zum Gespräch geladen und ihn berichten lassen, was er in seiner Praxis neuerdings erlebt. Dorthin, das betont Wellershoff, «kommen Menschen aus allen Schichten». Und: Manche von ihnen hätten auf die Flüchtlingskrise und auf die diesen Neuankömmlingen gegenüber propagierte «Willkommenskultur» allergisch reagiert. Denn: «Sie selber waren als Kinder niemandem willkommen. Niemand hat sie geschützt. Sie fragen sich: Warum sollten sie nun Fremde willkommen heissen?»

Die andern denken das auch

Was er da im stillen Kämmerlein erfährt, das sieht dieser Psychoanalytiker keineswegs nur auf einige Patienten beschränkt. Denn «viele Mechanismen, die klinisch auffällig werden und die ich in der Praxis sehe, findet man auch unter den sogenannten Normalen, die ein Leben lang unauffällig funktionieren und eines Tages unglücklich sterben», sagt Matthias Wellershoff. Deshalb ist er ja auch an «Die Zeit» herangetreten: Weil er sich in seinem Berufsalltag mit einer gesellschaftlichen Stimmung konfrontiert sieht.

Wie Stimmungen prägen

Solche Stimmungen sind das Thema des deutschen Soziologen Heinz Bude. Ausgehend von unserer Gegenwart, versucht er in einem Buch ein Phänomen zu fassen, das so flüchtig wie wirkmächtig ist. Denn Stimmungen haben keine Urheber. Sie breiten sich über ganze Gesellschaften aus, beeinflussen Entscheidungen, überschreiten auch spielend nationale Grenzen. Manchmal bestimmen sie die Finanzmärkte, oder sie führen Machtwechsel herbei. «Stimmungen haben insofern eine buchstäblich grundlegende Bedeutung, als sie uns ein Gefühl der Welt vermitteln», stellt Heinz Bude fest.

Kapitalismus ohne Mass

Die Stimmung unserer Zeit macht Bude an zwei Gruppen fest: an den empörten Antikapitalisten und den entspannten Systemfatalisten. Der herrschende Neoliberalismus sei ein Name für «einen Kult des starken Ichs, dem das soziale Miteinander, die Rücksicht auf die Schwachen und das Kollektiveigentum des Wohlfahrtsstaats geopfert wurde». Die Schere zwischen Arm und Reich öffne sich fast überall. «Der Kapitalismus, dem mit dem Untergang des Sozialismus sein Gegenpart verlorengegangen ist, kennt keine Grenzen und kein Mass mehr.»

Wer schläft, droht das Neue zu verschlafen, die Zeit verwandelt uns «in Vermögensindividualisten, die die Verwertung ihrer Talente und Potenziale zum Zwecke der totalen Selbstverwertung selbst an die Hand nehmen». Zeichen für diese totale Selbstverwertung ist die Totalpräsenz des Menschen mit Hilfe des Smartphones, an deren Perfektionierung man im Silicon Valley arbeitet, dem mächtigsten Tal der Erde.

Sich empören…

Was kann man tun? «Man hört von der politischen Klasse nur, dass es dazu keine Alternative gibt», fasst Bude zusammen. Ihr stelle sich eine «universelle Empörung» entgegen, «die sich mal an diesem, mal an jenem Gegenstand entzündet». In Deutschland brennen Flüchtlingsheime und kommen Oppositionsbewegungen auf, in Frankreich hat der Präsident wieder einmal fast alle gegen sich. Österreich macht die Grenzen dicht, die Amerikaner jubeln Donald Trump zu. Die Liste liesse sich fast unbegrenzt fortführen.

…oder sich abkoppeln

Doch man muss sich nicht unbedingt empören. Man kann die Dinge auch nehmen, wie sie sind, kann die Erwartungen reduzieren, kann sich abkoppeln. Das sind die von Bude so bezeichneten Systemfatalisten. Gereiztheit gegen Lethargie – dieses Gegensatzpaar prägt eine Zeit, in der sich für immer mehr Menschen «die Frage stellt, ob sie in ihrer Gesellschaft noch so zu Hause sind, wie es ihre elterlichen und vor allem grosselterlichen Vorfahren in einer langen Nachkriegszeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren», schreibt Heinz Bude, bevor er sich auf einen Gang durch die Welt der Stimmungen begibt.

Von der Musik ins Seelenleben

Der Begriff selbst kommt aus der Musik, wo er im 16. Jahrhundert eingeführt wird, um die Tonhöhe bei einem Instrument festzulegen. Das 18. Jahrhundert überträgt ihn dann auf die Grundverfassung der Seele und auf das Verhältnis von Mensch und Welt. Stimmungen beherrschen den Menschen als Gesamtgefühl. Sie sind auf nichts Bestimmtes gerichtet und manchmal von langer Dauer. Sie können auch «das Ergebnis der schleichenden Kumulation von Alltagsärgernissen und Alltagsfreuden sein».

Zu gesellschaftlichen Kräften werden Stimmungen mit dem 19. Jahrhundert. An dessen Ende befasst sich der Soziologe Gabriel Tarde damit, wie öffentliche Meinung entsteht. Seine Antwort: Indem die Menschen eine inländische oder eine ausländische Zeitung lesen, erfahren sie Empörendes, Verschreckendes und Abstossendes. Und sie sind sich dessen bewusst, dass diese Erfahrung in diesem Moment von einer grossen Zahl anderer Menschen geteilt wird.

Es kommt also, fasst Heinz Bude zusammen, nicht auf die Ereignisse selbst an, sondern auf die «erregende Gleichzeitigkeit ihrer Kenntnisnahme».

«Ansteckung ohne Berührung»

Gabriel Tarde fasst das ins Bild von der «Ansteckung ohne Berührung». Im Zeitalter des Internets ist die Ansteckungsgefahr noch viel viel grösser geworden. Denn «für den Moment erzielt jeder Beitrag hohe Wirkung im Netz, der anprangert, sich lustig macht, beschuldigt und verletzt», stellt Bude fest. Der Netzbürger aber wird Teil einer neuen Art von Publikumsdemokratie, die sich gegen die alten Kräfte richtet, gegen die «Medienkaste» genauso wie gegen die «Politikerkaste».

Wie wird das enden? Heinz Bude sieht zwei polare Alternativen: Übersteigerung oder Flucht. Entweder der Mensch geht weiter auf seinem Weg der Selbstmotivierung, der Selbstüberprüfung und Selbstverwirklichung, oder er zieht sich zurück in einen Raum der Entschleunigung.

Die Zukunft ist ungewiss

Ob es ein Drittes gibt, wird die Zukunft zeigen. Oft genug haben sich Grundstimmungen innert weniger Jahre gewandelt. Setzten zum Beispiel die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts noch auf eine etwas dumpfe Ordnung, so brach in den Sechzigern eine Revolution los, getragen von einer neuen Generation.

Das heisst: So alternativlos ist unsere Zeit auch wieder nicht.

Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen, Hanser 2016, 141 S., Fr. 27.90

Heinz Bude Soziologe an der Uni Kassel und Buchautor (Bild: wikipedia)

Heinz Bude Soziologe an der Uni Kassel und Buchautor (Bild: wikipedia)

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