In der Puppenstube des Allmächtigen

Mit Gioachino Rossinis «Moses in Ägypten» gelingt den Bregenzer Festspielen eine Wiederentdeckung. Zusammen mit dem Theaterkollektiv Hotel Modern findet die Regisseurin Lotte de Beer eine verblüffende Umsetzung.

Rolf App
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Liebende mal zwei: Clarissa Costanzo als Elcia und Sunnyboy Dladla als Osiris – und als Puppen von Hotel Modern. (Bild: Karl Forster/Bregenzer Festspiele)

Liebende mal zwei: Clarissa Costanzo als Elcia und Sunnyboy Dladla als Osiris – und als Puppen von Hotel Modern. (Bild: Karl Forster/Bregenzer Festspiele)

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Im dritten und letzten Akt wird das ganz Kleine sehr gross. Figuren huschen über die halbtransparente Leinwand, die Zuschauerraum und Bühne trennt. Sie mühen sich ab im heissen Sand, schleppen einander mit, der Allerletzte bleibt liegen. Am Meer dann versuchen sie um jeden Preis weiterzukommen. Ihre Arme strecken sich Schiffen entgegen, viele Köpfe treiben im Wasser. So sieht das Ende aus.

Was hier beschrieben wird, ist eine Puppenwelt. Es ist die Welt von Herman Helle, Arlène Hoornweg, Pauline Kalker und Heleen Wiemer, die das Theaterkollektiv Hotel Modern bilden. Man kann sie auf der Bühne schwach erkennen durch die Leinwand. Schemenhafte Silhouetten, in deren Mitte ein Licht leuchtet, während die Hebräer der Bibel, allen heutigen Flüchtlingen gleich, über die grosse Leinwand wandern. Im Bregenzer Festspielhaus ist es jetzt mucksmäuschenstill.

Hotel Modern hat die zweite Premiere der Bregenzer Festspiele zum grossen Abenteuer gemacht. Gioachino Rossinis völlig zu Unrecht vergessene Oper «Moses in Ägypten» bekommt unter ihren Händen beklemmende Aktualität und kreative Potenz zugleich. Dass die Regisseurin Lotte de Beer sie gesucht und gefunden hat, muss man deshalb als grossen Glücksgriff bezeichnen. Auf Christof Hetzers verblüffend einfacher Bühne installiert Hotel Modern von allem Anfang an eine reizvolle Koexistenz. Da sind zum einen die Sänger und der Chor, die auf der Drehbühne mit einem riesigen Globus in der Mitte wechselnde Schauplätze finden. Und da sind die kleinen Modelle, mal hier, mal dort platziert, und die vergleichsweise riesigen Menschen, die sich über sie beugen, sie anleuchten und mit einer Minikamera filmen. Manchmal geht auch die eine Welt in die andere über, dann fängt Hotel Modern an, das lebende Personal so zu drapieren, als würde es sich in einem seiner Kartonmodelle bewegen.

Der Pharao ist ein wankelmütiger Geselle

Natürlich ist all dies nicht einfach nur Spielerei. «Moses in Ägypten» erzählt die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, wo ein äusserst wankelmütiger Pharao herrscht. Zermürbt von all den Plagen, die Gott über sein Land hat hereinbrechen lassen, will er die Hebräer ziehen lassen. Doch dann stimmt ihn Osiris um, sein Sohn, der heimlich die Hebräerin Elcia liebt. Während Amalthea, seine Mutter, dem geschundenen Volk die Rückkehr erlauben will, weil sie im Stillen grosse Sympathien für die Juden und ihren Anführer Moses empfindet.

So kommt private Leidenschaft der grossen Politik in die Quere, immer unter starkem Engagement eines zornigen Gottes. Er lässt Heuschrecken über Ägypten herfallen, schickt eine grosse Finsternis – und zieht am Ende des zweiten Akts sogar Osiris mittels Blitzschlag aus dem Verkehr.

Gott gibt Leben, Gott nimmt Leben. Wie kleine Götter bewegen sich die Vier von Hotel Modern durch das Stück, in dem, trotz aller Dramatik, stets Rossinis leichte Hand und auch unterschwelliger Humor zu erkennen sind. Wie Rossini die Stimmen zueinanderfügt, beispielsweise im Quintett im ersten Akt, oder wie er grosse Chorszenen entwirft, etwa im Gebet im dritten Akt, oft nur ganz sparsam mit dem Orchester untermalt, das kann nur genial genannt werden. Man spürt die Freude der von Enrique Mazzola mit lebhaften Bewegungen geleiteten Wiener Symphoniker, und man sieht und hört, wie auch der von Lukáš Vasilek geleitete Prager Philharmonische Chor zu Höchstleistungen findet.

Glänzend besetzt sind die Sänger – unter sängerischen wie unter schauspielerischen Gesichtspunkten. Andrew Foster Williams präsentiert einen Pharao von schmächtiger Gestalt, der gerne machtvoll auftritt, damit aber nur sein stetes Schwanken kaschiert. «Er ist unbeständiger als ein Luftzug», sagt Moses denn auch über ihn. Goran Juric gibt den Propheten ebenso unerschütterlich wie dominant. Was dem ägyptischen Herrscher an Selbstbewusstsein fehlt, hat er im Übermass. Auch stimmlich: Der kroatische Bass verfügt über ein wunderbar weiches Timbre.

Den Sängerinnen und Sängern verlangt Gioachino Rossini viel ab. Der Tenor Sunnyboy Dladla muss als Osiris weit hinauf, auch Mandy Friedrich als Amalthea und Clarissa Costanzo als Elcia vollbringen Spitzenleistungen, ohne dass man das Gefühl bekäme, sie müssten dabei an ihre Grenzen gehen. Alles fliesst: die Musik, die Stimmen, die Bewegungen der Menschen auf der Bühne. Und so elend die Lage anmutet – es gibt auch zu lachen. Etwa, wenn Taylan Reinhard als des Osiris’ Berater Mambre mit seltsamem Federbusch und lächerlichem Gewand über die Bühne watschelt: noch einer, der sich viel zu wichtig nimmt.

Immer wieder sind es die Puppen, die, auf den grossen Globus im Hintergrund projiziert, den Blick fesseln. Ihre Schöpfer spielen Gott, wie Gott im Stück mit den Menschen spielt. Genau darauf zielt Lotte de Beers Inszenierung ab. Sie zeigt «einen menschlichen und unvollkommenen Gott, der mit der Welt herumspielt, genau wie wir es auch tun», wie sie sagt.

Das Ende gehört der Musik. Nach Melodien von müheloser Grazie, wie nur Rossini sie schreiben konnte, schildert ein Orchesterstück, wie die Ägypter untergehen. Und Hotel Modern wirft Figürchen in brodelndes Wasser.

«Moses in Ägypten» wird noch am 23. und 31. Juli gespielt.