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Tanztheater «Nu» - In der Nacktheit liegt die Wahrheit

Fast ohne Worte tanzen sich vier St. Galler Schauspielerinnen einengende Geschlechterrollen vom Leib. «Nu» ist temporeich, schrill und vielschichtig. Zu sehen in der Offenen Kirche St. Gallen.
Hansruedi Kugler
Da stecken sie noch in ihren schrillen Kostümen, bald legen sie diese und ihre Geschlechterrollen ab: Elenita Quieroz, Jessica Cuna und Boglarka Horvath. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 7. Mai 2019))

Da stecken sie noch in ihren schrillen Kostümen, bald legen sie diese und ihre Geschlechterrollen ab: Elenita Quieroz, Jessica Cuna und Boglarka Horvath. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 7. Mai 2019))

Am Ende sitzen sie nackt auf ihren Holzstühlen, sie haben sich gehäutet. Komplett entspannt schauen die vier Schauspielerinnen lächelnd über das Publikum hinweg. Keine Posen mehr, keine auferlegten Rollen, keine Scham oder Anzüglichkeit! Abgelegt sind auch Angst, Hektik, Konkurrenz, Selbstdemütigung, Anpassung – diese anerzogenen Übel!

Eineinhalb Stunden radikales Infragestellen weiblicher Identität hat man da fasziniert vom nicht immer sicheren Zuschauerstuhl aus beobachten können. Denn in der Offenen Kirche St. Gallen sitzt das Publikum auf drei Seiten um das Bühnenviereck. Immer wieder ist man den selbstbewussten Blicken der Schauspielerinnen ausgesetzt. Schaut her!, will uns ihr Blick sagen. Und man schaut gerne zu, versteht zwar nicht jede Geste, bewundert aber die Kraft dieses Ausbruchs. Nichts davon wird hier nur mit Worten behauptet, sondern wird mit Bildern und Choreografien sichtbar und spürbar gemacht in einer temporeichen Entwicklungsgeschichte.

Weg mit den Klamotten, weg mit den Rollenklischees

Zu Beginn kriecht Sheida Damghani zum schmissigen Walzer auf allen Vieren auf die Bühne. In Bauerntracht und unter einem Kopftuch steckend blickt sie provokativ ins Publikum und haut sich zweimal auf den Arsch. Die vorgegebene Geschlechterrolle, hier die Unterwürfigkeit, kippt in die ruppige Selbstermächtigung. Das Motiv wird sich mehrfach wiederholen. Auch die schrillen Klamotten der anderen drei, die nach und nach auf Stöckelschuhen hektisch auf die Bühne stolzieren, schreien geradezu nach einer Häutung: Das bonbonrosa Rüschenkleid von Boglarka Horvath, der dunkle Glitzer-Partyumhang von Jessica Cuna und das blaue Business-Jackett von Elenita Quieroz. Die Klamotten als Sinnbilder von Rollenklischees müssen weg. Bis dahin aber schreien, stürzen, rennen die vier Schauspielerinnen – und singen verträumt.

Da stopft sich etwa die Trachtenfrau ein riesiges Brötchen in den Mund, die anderen drei prügeln sich stilsicher im Zickenkampf – bis sie aus dem Geschlechterklischee rauskippen: Roboterhaft und synchron streichen sie sich wie Tussis übers Haar, packen dann aber plötzlich ihre Brüste und kratzen sich am Arsch. Konvention kippt so plötzlich ins Ordinäre, Pose kippt in Natürlichkeit – Stöckelschuhe weg, Stinkefinger in Richtung ­Publikum. Es folgen Zusammenbruch und Schreianfälle, poetische und stille Szenen.

Variantenreich häuten sich die vier Figuren

Eine Qualität des Abends: Er bleibt nicht stecken, sondern steuert variantenreich in immer neuen Szenen der endgültigen Häutung zu: Das Würfelspiel mit Kleidertausch versteht man als spielerischen Identitätswechsel, dann singt Sheida Damghani eine traurige Arie und steht am Ende nackt da, Jessica Cuna zerpflückt versonnen eine Perücke, Boglarka Horvath nimmt das laute Schnaufen von Jessica Cunas Akkordeon auf und steigert es wie bei einer Geburt zu heftiger Pressatmung.

Bevor alle vier nackt auf ihren Stühlen Platz nehmen, kehrt Boglarka Horvath noch das biblische Demutsgebet aus dem Matthäus-Evangelium feministisch um: Aus «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund» macht sie «Herr, ich bin es satt. Es ist nicht leicht, Frau zu sein. Herr, ich bin würdig.» Dass am Ende Konfetti fliegen, haben sich die vier Frauen wahrlich verdient.

Hinweis
So, 19 Uhr, Offene Kirche St. Gallen

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