In der Kirche des Mammons

Das Stapferhaus Lenzburg durchleuchtet unser Verhältnis zum Geld, inklusive Himmelstreppe, Jenseitsvorstellung und eines Bades in Münzen. Am Ende steht die Frage nach den Grenzen des Wachstums und dem Wert von alledem.

Valeria Heintges
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Und es regnet Geld: Die Schatzkammer der Ausstellung in Lenzburg beherbergt 200 000 Franken in Fünfräpplern, in denen baden kann, wer will. (Bilder: Anita Affentranger)

Und es regnet Geld: Die Schatzkammer der Ausstellung in Lenzburg beherbergt 200 000 Franken in Fünfräpplern, in denen baden kann, wer will. (Bilder: Anita Affentranger)

Wer die Geld-Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg besuchen will, wird sofort wieder hinaus komplimentiert. Hinaus auf den Hof geht es und über die weissstrahlende Himmelstreppe ins Jenseits. Dort hängen Geldscheine in den Bäumen oder kommen Eseln aus dem Hinterteil heraus, dazu fliesst Gold die Berge herab. Der Baum flüstert Wünsche. Werbung für Erwachsene – «Nichts ist unmöglich» – und mit Kinderstimme: «Ich würde alle Waffen der Welt kaufen, dann gibt es keinen Krieg mehr.»

«Verdienen Sie Ihren Lohn?»

Die diesseitige Welt des Geldes ist leider komplizierter – und Streitthema, seit Menschen streiten können. Aristoteles (384–322 v. Chr.) spricht als steinerne Büste über gute Haushaltungskunst und gefährliche Gelderwerbskunst, Thomas von Aquin (1225– 1275) warnt, Zinsen seien zu verbieten als Geschäft auf die Zukunft (was würde er zu modernen Papieren wie Credit Default Swaps sagen?). Die Ökonomen Adam Smith (1723–1790) und Milton Friedman (1912–2006) suchen das bessere Wort für Gier. Smith spricht von «persönlichem Vorteil», Friedman von «Originalinteressen».

Egal, wie das Kind genannt wird, jetzt ist die Zeit der Wahrheit gekommen: An Bankautomaten müssen die Besucher Farbe bekennen: «Verdienen Sie Ihren Lohn?», «Ist das Geld gerecht verteilt?», «Wie viele Millionäre gibt es in der Schweiz?».

Das Stapferhaus Lenzburg hat sich einen Namen gemacht mit Ausstellungen zu Themen wie Glauben, Internet oder Entscheiden, die in beeindruckend konkreter Weise umgesetzt werden. Auch diesmal gibt es immer wieder Hörstationen, kann man Dinge berühren und erleben, Filme sehen. Der Rundgang zum Thema Geld ist gestaltet wie ein Gottesdienst in der Kirche des Mammons: Vom Himmel über das Jenseits zum Bekenntnis, von dort zu Werten, Glauben, Glück und Freiheit, hin zum Fiat Money – anstelle des biblischen «Fiat Lux», «Es werde Licht».

Nach dem Bekenntnis am Bankautomaten geht es abwärts: In Räume, deren Durchgänge spitzbögig sind wie der Innenraum einer Kirche, mit bunten Grafiken anstelle der Glasfenster. Auf dem Altar wird dem «BIP – Bruttoinlandprodukt» gehuldigt; wer die Ausschnitte aus Radiosendungen hören will, muss sich auf die Betbank knien, sonst bleiben die Lautsprecher unverständlich leise.

Aber wie ist er nun, der Wert des Geldes? Vor allem relativ. Und ungleich verteilt. So schlüsselt sich der Preis eines iPhone von 779 Franken auf in 185 für Material und 594 für Entwicklung, Verkauf, Marketing. Dabei verdient der Apple-CEO 18 462 Dollar in der Stunde, ein Arbeiter in der Kupfermine in Kongo 80 Cent, ein chinesischer Angestellter 150 Cent, wie eine Vitrine mit Schautafeln aufschlüsselt.

Preis einer Rolex? 25 Franken

Der Wert einer Rolex-Armbanduhr? 25 Franken. Jedenfalls wenn sie gefälscht ist, sonst wäre sie 6175 Franken teurer. Zwei Milliarden Franken verliere die Schweizer Wirtschaft jährlich durch solche Fälschungen. Ein anderes Beispiel: 455 Franken kostet die Flasche Rotwein Château Latour. Ein wahnwitziger Preis, oder? Ja, aber wer dem Weinhändler Micha Landauer zuhört, wie er schwärmt von diesem einen Moment, von dem Wert, den das Trinken für ihn hat, wie er den Genuss zelebriert, der kommt ins Grübeln. «Stellen Sie sich vor», sagt Landauer in der Hörstation, «Sie können den Wein nur einmal trinken, dann ist er weg! Als hätten Sie ein Gemälde – und würden es nach dem Betrachten verbrennen.»

Was ist Geld? Wie ist es? Dreckig. Rutschig. Laut. Schwer. Und es stinkt. Das erfährt man in der glitzernden Schatzkammer. Darin liegen 200 000 Franken in Fünfräpplern. Die vier Millionen Münzen liegen 15 Zentimeter hoch, wiegen sieben Tonnen und erlauben ein Einwühlen wie am Sandstrand. Aber eben: Das Vergnügen ist zweifelhaft und unangenehm. Nein, man kann darin nicht schwimmen, auch Dagobert Duck kann es nicht. Aber die Zuschauer erfahren, was Geld ihnen bedeutet. Macht? Sicherheit? Erfolg? Oder ist es für sie Massstab für Attraktivität?

Wenn letzteres zuträfe, wäre der CEO von Novartis überaus sexy. Eine Installation zeigt Stundenlöhne in Säulen. Winzig der Pizzakurier mit Fr. 19.50, ein Vielfaches, aber noch klein, die Bundesrätin mit Fr. 118.50. Direkt daneben schiesst die CEO-Säule mit 3300 Franken in der Stunde bis zur Decke hinauf. Und das soll gerecht sein?

Keine Wertung, hoher Wert

Das grosse Plus der Ausstellung: Sie wertet nicht. Sie hört zu, fragt neugierig nach, lässt Widersprüche stehen und stellt anschaulich dar. Und sie gibt Denkanstösse. Im vorletzten Raum zeigt eine animierte Grafik, wie das Geld um die Welt kreist. Und ein Film lässt Wissenschafter und Forscher miteinander streiten. Sind wir am Vorabend der Wachstumsgrenze angekommen, wie Niko Paech sagt, Postwachstums-Ökonom an der Universität Oldenburg? Wird das Wachstum zukünftig vor allem qualitativ begriffen, wie Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse behauptet?

Der Wert einer Sache sollte ihren Preis bestimmen. In dem Sinne entscheiden die Besucher am Ende selbst, was ihnen der Rundgang wert war.

«Geld», Stapferhaus im Zeughaus Lenzburg (acht Min. Fussweg ab Bahnhof). Bis 29.11.2015. Di–So 10–17 Uhr, Do 10–20 Uhr, www.stapferhaus.ch

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