Interview
«In der Einsamkeit treffen wir uns alle»: Wenn das Filmfestival in den eigenen vier Wänden stattfindet

Die 51. Ausgabe von Visions du Réel ist einmalig. Die künstlerische Leiterin Emilie Bujès über die Online-Ausgabe ihres Festivals.

Regina Grüter
Merken
Drucken
Teilen
Emilie Bujès, künstlerische Leiterin des internationalen Dokumentarfilmfestivals in Nyon.

Emilie Bujès, künstlerische Leiterin des internationalen Dokumentarfilmfestivals in Nyon.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Am 18. März kam die Medienmitteilung «Visions du Réel überdenkt seine kommende Ausgabe». Seit letzten Freitag läuft die Online-Ausgabe des in Nyon beheimateten internationalen Dokumentarfilmfestivals. Wir haben mit der künstlerischen Leiterin Emilie Bujès per Telefon, von Homeoffice zu Homeoffice, über die besonderen Herausforderungen gesprochen, vor die die Coronakrise sie und ihr Team stellt. Ein positiver Aspekt: Alle können die Filme sehen. Auch die, die nicht nach Nyon hätten reisen können. Und zwar gratis.

Das ist ja jetzt alles sehr schnell gegangen.

Emilie Bujès: Es ist sehr, sehr schnell gegangen.

Haben Sie trotzdem noch Zeit, zwischendurch ein bisschen abzuschalten?

Ich habe einen vierjährigen Sohn. Es ist ein Versuch, eine unmögliche Balance zu finden zwischen dem, was er möchte und dem, was für uns machbar ist. Mein Ehepartner arbeitet auch von zu Hause aus, und es ist gerade alles sehr eng. Aber weil ich meinen Sohn sonst während dieser Phase kaum sehe, ist das auch schön. Der Aufwand ist gerade grösser, als wenn das Festival unter normalen Umständen hätte durchgeführt werden können.

Andere Festivals wie zuletzt das Filmfest München oder Cannes sehen von einer Online-Ausgabe ab. Wieso haben Sie sich zu diesem Schritt entschieden? Und war für Sie verschieben keine Option?

Mein Team und ich haben seit Februar alle Szenarien durchgespielt. Weil wir dieses Jahr viele Filmschaffende aus China und dem Iran eingeladen haben, zweifelte ich bald daran, dass das Festival wie gewohnt stattfinden könnte. Gleichzeitig hielt ich eine Online-Ausgabe nicht für möglich, weil wir dieses Jahr 89 Weltpremieren haben. Die Filmemacher werden die Weltpremiere ihres Films nicht im Internet feiern wollen, dachte ich. Verschieben wiederum hielten wir für keine gute Lösung, da wir nicht wissen, ab wann Filmfestivals wieder durchgeführt werden können. Ein viel späterer Zeitpunkt kam für uns nicht in Frage, da wir damit die Ausgabe 2021 gefährdet hätten.

Inwiefern?

Bei einer Durchführung des Festivals im September beispielsweise, hätten wir nicht genug Zeit und Energie gehabt, um die nächstjährige Edition sorgfältig vorzubereiten. Dazu kommen die Personalkosten. Wir haben ein grosses Team, und das kostet einfach sehr viel. Verschieben heisst, Verträge zu verlängern. Als dann im Zuge der verschärften Massnahmen des Bundesrats vom 13. März Festivals – und darüber hinaus, auch in anderen Ländern – in grosser Zahl abgesagt wurden, dachte ich mir, dass viele Filmemacher und Produzenten vielleicht froh sind, wenn man ihnen eine Lösung anbietet.

Wie gross war deren Bereitschaft, mit ihren Filmen online zu gehen?

Von den 97 Wettbewerbsfilmen haben zwei abgesagt. Und einer davon auch nur, weil das Team in der jetzigen Zeit den Film nicht fertigstellen konnte.

Visions du Réel ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Denken Sie, dass das vorwiegend ältere Publikum, das Nyon doch immer noch hat, bei dieser Online- Ausgabe mitmachen wird?

Ich glaube tatsächlich, dass das Publikum einmal älter war. Es findet aber zumindest eine Erweiterung statt. Von Anfang an war es eines meiner Ziele, auch ein jüngeres Publikum anzusprechen. Damit die wichtige Rolle von Visions du Réel für die Gesellschaft auch von Jüngeren wahrgenommen wird, muss sich das Bild des Festivals in der Öffentlichkeit ändern. Es ist eben nicht langweilig und etwas angestaubt. Das ist in den letzten zwei Jahren passiert.

Und doch ist ein grosser Teil des Festivalpublikums älter.

Auf die Bedürfnisse des älteren Publikums haben wir mit einem gedruckten Programm für die Online-Ausgabe und einer Telefon-Hotline reagiert. Aber es ist sehr einfach, Filme auf unserer eigenen Plattform zu sichten.

Wie schützen Sie sich vor Piraterie? Und wie ist es möglich, die Zuschauerzahl zu beschränken?

Wir arbeiten hauptsächlich mit Festival Scope zusammen, einer Plattform, die bereits existiert und Erfahrung damit hat, eine Besucher-Obergrenze einzurichten. Man kann die Filme nicht runterladen. Und gleichzeitig kann man die Views auf 500 beschränken. Es ist kein Video-on-Demand, sondern ein Festival, das online stattfindet.

Und doch kann man sich nicht treffen und austauschen, was essenziell für ein Festival ist. Wie wollen Sie trotzdem ein gewisses Gemeinschaftsgefühl generieren?

Wir haben alle Filmemacher gebeten, eine kleine Video-Einleitung zu ihren Filmen vorzubereiten, als Carte blanche. Meine Hoffnung ist, dass die Filmemacher die aktuelle Situation darin reflektieren. Denn ich glaube, da treffen wir uns alle. In der Einsamkeit und im Gefühl, dass die Menschheit etwas durchmacht, was sehr schwierig zu verstehen ist. Auch organisieren wir Gespräche zwischen den Filmemachern und dem Publikum über das Video-Kommunikationstool Zoom. Dazu werden die Masterclasses live gestreamt, auch da kann man reagieren. Aber wir sind natürlich alle zu Hause. Wir sind keine Zauberer.

Das Online-Festival ist für den Zuschauer gratis. Wie geht das?

Die Entscheidung zur Online-Ausgabe konnte früh genug fallen, um gewisse externe Arbeiten zu stoppen. Doch hat uns die Tatsache, dass gerade wahnsinnig viele Filme online gestellt werden, etwas Angst gemacht. Wie bringen wir Leute über unser normales Publikum hinaus dazu, Filme zu sichten, fragten wir uns. Visions du Réel ist in erster Linie ein Entdecker-Filmfestival, und wir wollten den Filmen die grösstmögliche Chance geben. Deshalb hat das Festival entschieden, auf die Ticketeinnahmen einmalig zu verzichten.

Welches wird der Coronavirus- Jahrgang sein? Wann wird sich die gegenwärtige Situation niederschlagen auf die am Visions du Réel gezeigten Dokumentarfilme?

Ein kleines Stück wird nächstes Jahr kommen und ein grosses Stück 2022.

Hinweis: Visions du Réel, bis 2.5. Zugang zu allen Filmen über: www.visionsdureel.ch/de Masterclasses mit Claire Denis (29.4.), Petra Costa (30.4.) und Peter Mettler (1.5.) jeweils 15 Uhr.

14 Filme konkurrieren ab dem 25. April im internationalen Wettbewerb. Emilie Bujès verspricht «ein Feuerwerk»:

14 Filme konkurrieren ab dem 25. April im internationalen Wettbewerb. Emilie Bujès verspricht «ein Feuerwerk».
5 Bilder
Anerca, Breath of Life: Markku Lehmuskallio hat einen grossen Teil seiner Dokumentarfilmarbeit den Ureinwohnern des Polarkreises gewidmet. In Co-Regie mit seinem Sohn Johannes bringt er Zeugnisse, Archivmaterial, gesungene oder getanzte Performances zusammen, inspiriert vom «vitalen Atem» dieser Nomadengemeinschaften. Filmische Ethnografie, aber nach einem heutigen Verständnis.
Off the Road: Baja 1000 in der mexikanischen Wüste ist das grösste Offroad-Motorsportrennen der Welt. Der Film ist auch eine Art Musical, wird unvermittelt unterbrochen, und Musiker und Sänger treten ins Bild. Ebenfalls vom amerikanischen Kontinent: «Non Western». Die Liebesgeschichte zwischen Nanci und dem Cheyenne Thaddeus offenbart tiefe Versäumnisse in der US-Geschichte.
Punta Sacra: Visions du Réel steht für sehr persönliche Filme. Und solche, die formal neue Wege gehen. Sie dürfen auch mal ein bisschen poppig sein wie das Porträt über die letzten Bewohner einer Siedlung an der Mündung des Tibers in Ostia. Deren Erzählungen, orchestriert von Franca und ihren Töchtern, werden verstärkt durch Drohnenaufnahmen und dem exzeptionellen Soundtrack.
Purple Sea: Der schwierige und ziemlich radikale Versuch, Flucht als körperliche Erfahrung zu vermitteln: Der Film wurde aus Bildern der syrischen Künstlerin Amel Alzakout komponiert, die nach dem Untergang des Bootes vor der Küste von Lesbos aufgenommen wurden. Wie die anderen treiben sie und der Co-Regisseur mit Westen im Meer und kommentieren die aus dem Off. (reg)

14 Filme konkurrieren ab dem 25. April im internationalen Wettbewerb. Emilie Bujès verspricht «ein Feuerwerk».

Zur Verfügung gestellt