In der Dirigentenschmiede

Riccardo Chailly gibt eine spektakuläre Vorstellung am Osterfestival, und Bernard Haitink erklärt seinen Schülern, wie Dirigieren geht.

Rolf App
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Bernard Haitink gibt dem jungen Weissrussen Vitali Alekseenok Rat. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Bernard Haitink gibt dem jungen Weissrussen Vitali Alekseenok Rat. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

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Wer jene Gespräche liest, in denen Riccardo Chailly über seinen Werdegang als Dirigent Auskunft gibt («Das Geheimnis liegt in der Stille», Henschel/Bärenreiter), bekommt auch einen Eindruck davon, was es bedeutet, in diesem Beruf an die Spitze vorzustossen. Viele Jahre des geduldigen Lernens liegen hinter einem solchen Dirigenten, deshalb sind die Alten, unter denen Chailly mit 65 Jahr noch eher jung ist, auch oft die Besten.

Ein Konzert im Rahmen des Luzerner Osterfestivals zeigt Chailly am Mittwochabend von einer höchst effektvollen Seite. Das ist auch auf Programm und Orchester zurückzuführen, mit denen er angereist ist. Peter Tschaikowskys noch vergleichsweise melancholisch-verhaltene, leider selten gespielte Sinfonie Nr. 2 c-Moll macht den Anfang. Dann steigert sich der Abend mit der an Groteskem reichen Suite aus Dmitri Schostakowitschs Oper «Lady Macbeth von Mzensk» und Igor Strawinskys «Petruschka» zu einem imposant-chaotischen Jahrmarktstreiben und erreicht in der Zugabe, der Ouverture zu Gioachino Rossinis Oper «Wilhelm Tell», einen letzten Höhepunkt. Die Filarmonia della Scala stürzt sich voller Begeisterung ins Getümmel, wobei Chailly es in jedem Moment schafft, die von ihm entfesselten Kräfte auch unter Kontrolle zu halten und hochpräzises Spiel wie durchsichtigen Klang zu gewährleisten.

Aus freundschaftlichem Geist heraus

Wie lernt man so etwas? Eine Antwort kommt von Bernard Haitink, der in diesen Tagen im Kultur- und Kongresszentrum (KKL) einen Dirigierkurs gibt. Acht junge angehende Diri­genten hat er ausgewählt, sechs Männer und zwei Frauen, altersmässig zwischen 24 und 31 Jahren liegend und aus allen Himmelsrichtungen kommend. Zwischen ihnen und ihm liegen altersmässig mehr als sechs Jahrzehnte, doch trotz dieser enormen Differenz geht Haitink jede Form der Überheblichkeit ab.

Wenn er, hinter seinen Kandidaten stehend, leicht sich mitbewegend und sie genau beobachtend, sie gelegentlich unterbricht und die Festival Strings Lucerne selber ein Stück weit dirigiert, dann tut er dies aus einem sehr freundschaftlichen Geist ­heraus. Aber Haitink fordert sie auch. Sein Programm ist anspruchsvoll, es reicht von Wolfgang Amadeus Mozart über Johannes Brahms bis zu Claude Debussy.

Jeder Teilnehmer hat eine halbe Stunde, dann kommt der nächste dran. Was Bernard Haitink in diesen Sequenzen zutage fördert, ist nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für die Zuhörer aufschlussreich. Zuallererst lernt man: Dirigieren, das heisst gestalten. «Die Einleitung ist das Schwierigste», sagt Haitink etwa zum Weissrussen Vitali Alekseenok, als der die Ouverture zu Carl Maria von Webers Oper «Oberon» zu Ende gebracht hat. Wie baut man Spannung auf, das kann man da lernen.

Die zweite Lektion geht in eine andere Richtung. Der Dirigent oder die Dirigentin muss mit dem Körper ausdrücken, was er oder sie will. Und zwar möglichst klar und ökonomisch. Ein befreundeter Dirigent habe ihm einmal geraten, die linke Hand in die Hosentasche zu stecken, erzählt Haitink dem Chinesen Alvin Ho, und sagt: «Mach es mit den Augen.» Dann nimmt er ihm die Partitur weg, er soll den zweiten Satz von Brahms’ Sinfonie Nr. 2 D-Dur auswendig probieren.

«Haitink dirigiert mit grosser Feinheit»

Haitink «reflektiert das, was wir mit dem Orchester machen», sagt nach dem Dirigierkurs der Deutsche Paul Marsovszky, der in Budapest studiert. «Ich nehme aus dem Kurs mit, dass ich noch etwas weniger geben kann.» Es sei in jedem Fach so, «dass man, je weiter man fortschreitet, sich in der Feinheit steigert. Gerade Bernard Haitink dirigiert ja mit grosser Feinheit und Klarheit. Das aber ist das Wichtigste im ­Dirigentenjob.»

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