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In den Strümpfen des Heiligen

Zwischen Magie und Heilkunst: Gestern ist in der Stiftsbibliothek eine Ausstellung über die mittelalterliche Medizin eröffnet worden. In deren Zentrum steht das Kloster St. Gallen, das auch ein frühes Spital betrieb.
Rolf App
Die Bestände der Stiftsbibliothek bergen auch frühes medizinisches Wissen. (Bilder: Benjamin Manser)

Die Bestände der Stiftsbibliothek bergen auch frühes medizinisches Wissen. (Bilder: Benjamin Manser)

Als der heilige Gallus um das Jahr 640 herum starb, wurden seine Kleider an die Armen verteilt. Ein Gelähmter namens Maurus erhielt Schuhe und Strümpfe, und kaum hatte er des Missionars Socken angezogen, erhob er sich auf die Füsse – und konnte wieder gehen.

«Unglaubliche Schmerzen»

Da hatte sich eines jener Wunder ereignet, an die die Menschen des Mittelalters ebenso felsenfest glaubten wie ihre Ärzte an die Vier-Säfte-Lehre und den Aderlass. Auf ihnen basierten all jene Behandlungen, die viel zu oft zum Tod führten. «Die Menschen litten damals unglaubliche Schmerzen», sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora, als er im Barocksaal seiner Bibliothek vor jener Vitrine steht, in der Wunder wie jenes geschildert werden, das dem Maurus widerfahren ist.

Cornel Dora (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Cornel Dora (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Mit «Abracadabra» ist die gestern eröffnete Ausstellung über die Medizin im Mittelalter überschrieben, und tatsächlich findet sich in zwei Quellen der Stiftsbibliothek das Zauberwort zum ersten Mal: im Manuskript C 78 der Zentralbibliothek Zürich und im «Liber medicinalis», beide aus dem 9. Jahrhundert.

Woher «Abracadabra» kommt

In 64 Kapiteln werden in letzterem Therapien und Rezepte gegen Krankheiten, Leiden und Verletzungen zusammengetragen. Oft zeugen diese von barer Hilflosigkeit und von einem enorm starken Glauben an die Magie. Gegen die damals durchaus auch in Westeuropa anzutreffende Malaria etwa sollte ein Amulett helfen mit einem einzigen Zauberwort, das von Zeile zu Zeile um den letzten Buchstaben verkürzt wurde. Dieses Zauberwort «Abracadabra» stammt wohl aus dem Aramäischen und hat vermutlich die Bedeutung: «Es vergeht wie das Wort».

Die vier Säfte

Leider hat das nicht nur die Malaria nicht getan. Neben ihr wütete die Pest, viele gingen am Aussatz langsam zugrunde. Sogar einfache Zahnschmerzen konnten in diesen Zeiten zum Tod führen. Jede Krankheit gehe auf ein Ungleichgewicht der vier Säfte Blut, Schleim, gelbe und dunkle Galle zurück, glaubte man gestützt auf den Griechen Hippokrates. Wenn man also dem Patienten Blut abzapfe, ihm ein Brech- oder Abführmittel verabreiche, dann komme sein Inneres wieder in Balance. Das ist die – aus heutiger Sicht – absolut überholte Seite dieser gegenüber medizinischen Autoritäten extrem unkritischen Medizin.

Ein neuer Geist erwacht

Auf der anderen Seite aber zeigt die Ausstellung, wie sehr gerade die Klöster zu Zentren der Heilkunst wurden, in denen das Wissen über Heilpflanzen gesammelt wurde. Und man sieht, wie dort aus christlicher Nächstenliebe ein neuer, mitmenschlicher Geist erwachte, den es vorher nicht gegeben hatte.

Heilkunst auf dem Klosterplan

«In den Klöstern wurden die christlichen Ideen mit der Heilkultur verwoben», erklärt Cornel Dora und zieht als wichtigsten Beleg den Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert heran, auf dem ein eigentliches Spitalareal eingezeichnet ist. Mit dem Heilkräutergarten, mit einer Kapelle für Novizen und Kranke, mit dem Infirmarium mit Kranken- und Esszimmer, mit dem Aderlasshaus und dem Ärztehaus, das Wohnung, Apotheke und einen Raum für Schwerkranke birgt. «Heute würde man von Intensivstation reden», sagt Dora. «Schon Otmar, der erste Abt, hat sich im 8. Jahrhundert um die Aussätzigen gekümmert, ist in der Nacht zu ihnen gegangen, hat ihre Körper gewaschen und die Wunden gereinigt – und ihnen Zuwendung geschenkt.»

Der Arzt und der Herzog

Der wohl prominenteste Vertreter klösterlicher Heilkunst war der 975 verstorbene Notker der Arzt, über den man dank Ekkeharts «Casus sancti Galli» viel weiss. «Notker war nicht nur in St. Gallen tätig, sondern auch am Hof von König Otto dem Grossen», sagt Franziska Schnoor, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftsbibliothek.

Von hohen Tieren beeindrucken liess Notker sich nicht. Einmal versuchte der Herzog von Bayern, ihn zu testen, indem er den Urin seiner Kammerjungfer als seinen eigenen ausgab. Notker aber sagte, er gratuliere: Der Herzog werde innert dreissig Tagen einen Sohn zur Welt bringen. Was die Kammerjungfer denn auch tat.

Keine Götter in Weiss

Übrigens: Wer meint, die Ärzte des Mittelalters seien bereits Götter in Weiss gewesen, täuscht sich. Im einleitenden Text zum Ausstellungskatalog kommt der Medizinhistoriker Kay Jankrift auf die Gesetzgebung der Westgoten zu sprechen, deren Reich seinen Schwerpunkt auf der Iberischen Halbinsel hatte. Dort mussten Ärzte eine Kaution entrichten, die verfiel, wenn der Patient starb. Unsachgemässe Behandlungen zogen Geldbussen nach sich. Und: Frauen durften nur in Gegenwart eines Familienmitglieds untersucht werden, um sie gegen sexuelle Übergriffe zu schützen.

Stiftsbibliothek, bis 6. November

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