In den Mannen schlummert allerhand

Im musikalischen Erzähltheater «Roti Rösli» in der Kellerbühne entwickelt Philipp Galizia eine Art Musiktherapie: In Liedern aus Kindertagen schlummern die Traumata der Vergangenheit – singend lassen sie sich aufarbeiten.

Andreas Stock
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Begnadeter Erzähler: Philipp Galizia, im Hintergrund Erich Strebel. (Bild: Ralph Ribi)

Begnadeter Erzähler: Philipp Galizia, im Hintergrund Erich Strebel. (Bild: Ralph Ribi)

Seine Entdeckung sei simpel und bestechend einfach: «Jeder hat sein Lied», ist Röbi Rösli überzeugt, und zitiert den Dichter Eichendorff: «Schläft ein Lied in allen Menschen…». Rösli, ehemaliger Bassist der aufgelösten Band The Rackets (eigentlich The Rockets, aber das ist eine andere Geschichte), wurde autodidaktisch zum Musiktherapeuten. Begonnen hatte es beim bierseligen Abend auf Gran Canaria, als eine Touristengruppe sich durch die Evergreens an Weihnachtsliedern zu singen beginnt – was bei gestandenen Mannsbildern unerwartete Emotionen und unterdrückte Erinnerungen auslöste. Beim Singen von Liedern aus Kindertagen, stellt Rösli fest, werden verdrängte Erlebnisse und Narben aus einer verschütteten Vergangenheit geweckt.

«Chrotten» im Hals

Röbi Rösli tritt darauf einem Männerchor bei, weil er hier ein geeignetes Forschungsfeld an verknorzten Männerseelen vermutet, denen er beim Einsingen mit Liedern aus der Kindheit auf den Zahn fühlen will. Er möchte diese «Chrotten» im Hals, die manchmal noch viel tiefer hocken, die das «Gurgeli» verstopfen und deshalb kein befreites Singen zulassen, lösen. Solche «Kröten» vermutet der zum Interimsdirigent beförderte Rösli als eher männliches Problem; und tatsächlich erweist sich sein Männerchor als prächtiges Panoptikum von vergessenen, aber nie verdauten «Chrotten»: In den Mannen schlummere allerhand, ist Rösli begeistert.

Feinsinnige Geschichten

Kontrabassist Philipp Galizia ist in seinem neuen Bühnenprogramm erneut kein Kabarettist der lauten Töne oder eines gepfefferten Humors. Seine Figur des Röbi Rösli, der sich mit Empathie und ehrlichem Interesse den Sängerseelen annimmt, liesse sich wohl leicht als eine schräge Esoterikerkarikatur zeichnen. Doch Galizia meint es hier bei allem liebenswerten, trockenen Humor und augenzwinkerndem Schalk durchaus ernst. Der Musiker erweist sich erneut als ein einnehmender Erzähler, der diese feinsinnigen Kindheitsgeschichten von Träumen und Enttäuschungen, über den unverarbeiteten Tod der Nonna oder die unerfüllte Liebe zur Lehrerin mit einem unerwarteten Konkurrenten, berührend und mit zartbitterer Melancholie zu schildern weiss.

Volkstümliches, sanft jazzig

Der unaufgeregte Ton, die verschattete Nostalgie von verdrängten Erinnerungen aus trüberen Tagen, sie spiegeln sich in der Musik. Mal bluesig, mal sanft jazzigen singen und spielen Philipp Galizia und Erich Strebel am Piano. Elegant hat Strebel traditionelle Volks- und Kinderlieder umarrangiert und neben Bekannterem auch Trouvaillen geborgen. Und, wer weiss, damit vielleicht auch im Publikum die eine oder andere Erinnerung aus der Vergangenheit geweckt. Diese müssen ja nicht immer traurig oder unbewusst verdrängt sein.

Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne, je 20 Uhr

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