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Schwarze Jungs in der Hölle: Amerikanischer Autor schreibt über ein grausames Kapitel des Rassismus in den USA

In seinem neuen, erschütternden Roman «Die Nickel Boys» erzählt der Amerikaner Colson Whitehead von einer sogenannten Besserungsanstalt im Florida der 60er-Jahre, in der Jugendliche zu Tode gefoltert wurden. Ein grosser Wurf.
Peter Henning
Der vielfach preisgekrönte US-Autor Colson Whitehead verarbeitet in seinen Roman wahre Begebenheiten. (Bild: Cannarsa/Opale/Leemage/laif)

Der vielfach preisgekrönte US-Autor Colson Whitehead verarbeitet in seinen Roman wahre Begebenheiten. (Bild: Cannarsa/Opale/Leemage/laif)

Von einer Herkunft und Ausbildung, wie sein Schöpfer sie als Spross einer gehobenen New Yorker Mittelschichtsfamilie geniessen durfte – angefangen beim Besuch der renommierten Trinity School bis hin zum anschliessendem Studium in Harvard – kann der junge Elwood 1962 nur träumen. Doch was ihm, dem aus dem Nest Frenchtown in Tallahassee stammenden jungen Afroamerikaner an milieubedingten Voraussetzungen für ein Leben mit aussichtsreicher Perspektive fehlt, das kompensiert er, der bei seiner Grossmutter Hattie aufwächst, von Anfang an durch Fleiss und Strebsamkeit.

Idol Martin Luther King

Nach der Schule und an den Wochenenden arbeitet er in einem Zeitschriftenladen, später als Tellerwäscher in einem Hotel. Denn Elwood träumt davon, die Begrenzungen seines Daseins als Schwarzer, der zu Beginn der Sechzigerjahre im repressiven Klima der noch herrschenden Rassentrennung aufwächst, eines Tages zu überwinden. So wie sein grosses Idol Martin Luther King, um einmal ein Leben in freier Gleichberechtigung führen zu können.

1962 bekam Elwood das schönste Geschenk seines Lebens, nur stürzten ihn die Ideen, die es ihm einpflanzte, am Ende ins Verderben. Martin Luther King At Zion Hill war sein einziges Album, und es lag permanent auf dem Plattenteller.

«Jeder Kratzer, jede Delle, die sie im Laufe der Monate davontrug, symbolisierte seine fortschreitende Aufklärung.»

Und Elwood begreift schnell. Angespornt von Kings Visionen setzt er alles daran, sich durch die Demütigungen, die er immer wieder aufgrund seiner Hautfarbe erfährt, nicht von seinem Weg abbringen zu lassen.

Hunger nach Zugehörigkeit

Mit feinem Gespür für die stellvertretend für eine ganze Generation in seinem juvenilen Protagonisten aufkeimenden Sehnsüchte und Ideale zeichnet der 1969 geborene Colson Whitehead in seinem mittlerweile achten, auf Deutsch vorliegenden Buch das tiefenscharfe Porträt eines jungen, vom Hunger nach Zugehörigkeit und Gleichberechtigung umgetriebenen Afroamerikaner.

Verbannung hinter die Mauern der Anstalt

Elwoods eben noch Gestalt gewinnende Ambitionen zerplatzen aber so jäh, wie sie begannen. Denn als man Elwood, der inzwischen aufs College geht, in einem gestohlenen Wagen aufgreift, den er angehalten hat, um von dessen Fahrer mitgenommen zu werden, sperrt man ihn in die ­berüchtigte Besserungsanstalt «Nickel» – und sein langgedehnter, von Demütigungen und schweren körperlichen Misshandlungen begleiteter Flug in den Untergang beginnt.

Archäologen bergen Knochenreste

Anfangs trotzt der Junge seiner Verbannung hinter Anstaltsmauern mit zur Schau getragenem Stolz. Doch unter den fortgesetzten Misshandlungen des Aufsehers Spencer und seiner Handlanger wird zuerst seine körperliche Widerstandskraft gebrochen – und schliesslich sein Glaube daran, das Anstaltsdasein jemals unbeschadet zu überstehen. Was folgt, ist das von Whitehead in schmerzhaften Bildern vorgeführte Zerbrechen einer Menschenseele in Form unter dem Deckmantel sogenannter «Besserungsmassnahmen» systematisch betriebener Folter. Als Archäologen Jahrzehnte später den verborgenen Friedhof des ehemaligen Anstaltsgeländes ausheben und unzählige Knochenreste bergen, wird ihnen das ganze Ausmass der seinerzeit an den Jugendlichen an der Arthur G. Dozier School begangenen Misshandlungen deutlich.

Colson Whitehead entrollt seine Geschichte in der hitzigen Atmosphäre der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – bevölkert von Menschen, die glauben, dass eine bessere Zukunft möglich ist, wenn man nur bereit ist, dafür zu kämpfen. Elwood ist eines der Opfer, die dieser Kampf am Ende gefordert hat.

Whitehead, der 2017 den Pulitzer-Preis erhielt, versteht sein Schreiben explizit als politisch. Mit seinem neuen Roman ist ihm etwas Besonderes geglückt: ein Buch, das auf seine wenn auch schockierende Weise einlöst, was Marcel Proust dereinst von einem guten Buch forderte: Dass es im Bestfall wie ein optisches Gerät funktioniere, mit dessen Hilfe der Leser die Welt und sich selber klarer sehe.

Colson Whitehead: «Die Nickel Boys». Hanser-Verlag, München 2019. 224 Seiten, Fr. 37.–

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