In den Abgründen der Gesellschaft

Er hat es aus tiefer Armut zu grossem Reichtum gebracht – und ist an sich selber gescheitert. Sein Leben hat der vor hundert Jahren Verstorbene in Bücher voller atemloser Spannung gepackt.

Rolf App
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Oft verfilmt: «Der Seewolf», hier 1941 mit Edward G. Robinson (links) als Wolf Larsen. (Bild: Keystone/KPA)

Oft verfilmt: «Der Seewolf», hier 1941 mit Edward G. Robinson (links) als Wolf Larsen. (Bild: Keystone/KPA)

Er ist der Machtpolitiker schlechthin. Wolf Larsen, Kapitän des Robbenfangschiffs «Ghost», schikaniert seine Mannschaft bis aufs Blut. Und weil er hochintelligent ist, freut er sich über diesen schiffbrüchigen Neuankömmling: Der Schriftsteller Humphrey Weyden ist für ihn genau der Richtige, um seine Philosophie auf die Spitze zu treiben. Ihn quält Wolf Larsen mit besonderer Lust, ihm erklärt er auch, warum er es tut: «Die Starken fressen die Kleinen, damit sie sich weiterbewegen können, die Starken fressen die Schwachen, damit sie ihre eigene Stärke erhalten können.»

Der Schöpfer dieser beiden so gegensätzlichen Figuren, Jack London, ist heute vor hundert Jahren gestorben. Der Arzt hat eine Harnvergiftung diagnostiziert, vermutlich aber hat der jahrelange Alkoholmissbrauch seine Gesundheit irreparabel geschädigt. «König Alkohol» heisst denn auch eines jener Bücher, die er in rasendem Tempo schreibt. Und wie die meisten dieser Bücher zehrt es von Jack Londons wildem, schwierigem Leben. Auch «Der Seewolf», diese oft verfilmte Geschichte des Kapitäns Wolf Larsen, hat autobiographische Wurzeln.

Auf der falschen Seite zur Welt gekommen

Jack London kommt am 12. Januar 1876 in San Francisco zur Welt, «auf der falschen Seite der Strassenbahnschienen», wie er später einmal sagt. Armut, Arbeit und Hunger prägen Kindheit und Jugend. San Francisco ist eine Stadt der Abenteurer, Goldsucher, Glücksspieler und Seeleute. So probiert er es dann auch als Goldsucher, und er fährt zur See.

Ein unermesslicher Hunger nach Leben beherrscht ihn, und: ein Hunger nach Wissen. Zuerst verschlingt er Groschenhefte und Kitschromane, dann entdeckt er die Volksbibliothek und damit die Weiten der grossen Literatur. Sie wird zu seinem Eldorado, die Bibliothekarin zur Göttin seiner Kindheit.

Doch diese Kindheit ist kurz, denn der Stiefvater hat Schulden. Der Dreizehnjährige findet sich in einer Konservenfabrik wieder, er wird zum Arbeitssklaven – und rebelliert. Im Hafenviertel taucht er unter, schliesst sich den Piraten an, die des nachts die Austernbänke plündern. Als ihm der Boden unter den Füssen zu heiss wird, heuert er als Matrose an und gerät in jene Welt, die er im «Seewolf» so brutal direkt beschreibt. Desillusioniert kehrt er zurück, muss wieder unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten, schlägt sich als Tramp durch Amerika und lernt seine Heimat von unten kennen.

Millionen sind arbeitslos, Millionen hungern. In der Nähe der Niagarafälle wird er verhaftet und zu einem Monat Gefängnis verurteilt. «Unsere Halle war eine menschliche Latrine», beschreibt er später dieses Gefängnis, «angefüllt von dem ärgsten Dreck und Bodensatz der Gesellschaft, von Wracks, Irrsinnigen, Epileptikern, Ungeheuern und Schwächlingen, einer Menschheit, die aus einem bösen Traum zu stammen schien. Ja, wir waren Wölfe, das könnt ihr mir glauben – genau wie die Geschäftsleute der Wall-Street.»

Jack London ahnt den Faschismus voraus

Jack London wird Sozialist, er ist ein begeisternder Redner. Er fängt an zu schreiben, zuerst mit mässigem, dann immer grösserem Erfolg. Er wird reich, verschenkt sein Geld aber sehr freizügig. Rastlos reist er durch die Welt, und immer wieder verfällt er dem Alkohol. Er heiratet, zeugt zwei Kinder, trennt sich von seiner Frau, heiratet erneut, kauft eine Farm und muss für immer mehr Menschen aufkommen. Er schreibt im Akkord, manches – wie etwa das jetzt wieder neu herausgekommene «Mord auf Bestellung» (siehe unten) – bleibt auch unvollendet.

In London lebt er unter Obdachlosen, «Die Menschen des Abgrunds» wird zu einer seiner wichtigsten sozialkritischen Reportagen. «Diese Misswirtschaft muss ein Ende haben», fordert er, und: «Kein Mitglied der herrschenden Klasse kann hoffen, vor dem Richterstuhl der Menschheit freigesprochen zu werden.» So wird in Büchern wie «Abenteurer des Schienenstrangs», «Ruf der Wildnis», «Lockruf des Goldes», «Alaska Kid», «Die Zwangsjacke» eine neue Art von Literatur geboren – und in «Die eiserne Ferse» ahnt Jack London schon 1906 die faschistische Diktatur voraus. Sein Blick auf die Welt ist so düster, dass er dieser Diktatur eine Lebensdauer von 300 Jahren gibt.