Primetime
Immer wieder Kevin und Co.: TV-Weihnachten ist Balsam für die Seele

Nicht nur flackernde Kerzen sorgen für weihnachtliche Stimmung. Auch das Licht aus der Glotze erscheint alle Jahre wieder mit altbekannten Filmen. Doch warum nur schauen wir uns jedes Jahr das Gleiche an?

Lorenzo Berardelli
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«Das letzte Einhorn» macht sich auf die gefährliche Suche nach seinen Artgenossen.Fotos: HO
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US-Schauspieler Eddie Murphy sicherte sich mit «Beverly Hills Cop» Kultstatus.
«Ist das Leben nicht schön?» mit James Stewart wurde 1947 für fünf Oscars nominiert.
TV-Weihnachten

«Das letzte Einhorn» macht sich auf die gefährliche Suche nach seinen Artgenossen.Fotos: HO

HO

Film, Glötzchen, flimmerlingeling, Film, Glötzchen, Film. Nachdem die Bäuche vollgeschlagen sind und bevor familiäre Streite das besinnliche Fest trüben, findet sich manch einer vor der Glotze wieder – alleine oder mit der gesamten Sippschaft.

Für viele ist Fernsehen Teil des Weihnacht-Rituals. Ob gross oder klein, alle schlüpfen sie in ihre Pyjamas und nisten sich auf der Sofagarnitur ein. Die alljährliche Wiederholung von den immer gleichen Filmen: für grosse und kleine Fernsehkinder ein emotionaler Höhepunkt! Genau daran haben die «Sender-Samichläuse» gedacht und jedem TV-Junkie etwas Passendes mitgebracht. Doch warum zum Henker schauen wir uns diese ausgelutschten Filme jedes Jahr wieder an?

«Die Weihnachtszeit greift auf die Vergangenheit zurück», erklärt Filmexperte Michael Sennhauser. Ein Grossteil der westlichen Gesellschaft suche in den Weihnachtstagen nach dem Glück und der Geborgenheit der Kindheit und den eigenen Weihnachtserinnerungen. Genau gleich funktionieren natürlich die Kindheitserinnerungen an die Filme von früher. Und er fügt hinzu: «Was die Leute als Kinder mochten, mögen sie auch heute noch.» Na dann, frohe TV-Weihnachten!

Aschenbrödel – die Powerfrau?

Gerechtigkeit: Wir lieben sie! Und damit auch «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel». Seit genau 40 Jahren ist die tschechisch-deutsche Aschenputtel-Filmvariante nicht mehr von Weihnachten wegzudenken. Aschenbrödel schiesst besser als Wilhelm Tell, reitet schneller als Clint Eastwood und klettert höher als Spiderman. Ihre Stiefmutter und deren Tochter sind böse: Wir hassen sie! Als Aschenbrödel nicht zum Ball auf dem Königshof eingeladen wird, crasht sie die Party und angelt sich den Prinzen. Freudenjubel!

Noch nicht so alt, aber auch ein Dauerbrenner: «Das letzte Einhorn». Bereits zum 22. Mal in Folge flackert an Heiligabend auf RTL II das kitschige Zeichentrickfilmmärchen über den Bildschirm. Melancholisch-schnulzig eröffnet der 1980er-Pophit «The Last Unicorn» den Filmvorspann zur Geschichte über das letzte gehörnte Fantasiepferd. König Haggard und ein sagenumwobener Stier stecken hinter dem geheimnisvollen Verbleib seiner Artgenossen. Ach, wie haben wir uns als Kinder gefürchtet! Nicht nur vor dem roten Stier, sondern vor allem vor der schrecklichen Harpyie. Der dämonenhafte Greifvogel hat seinen furchterregenden Auftritt im Kuriositätenzirkus, wo das Einhorn sich mit dem Zauberer Schmendrick anfreundet. Und ja, es ist wahr – in diesen gutmütigen Magier haben sich damals unsere Schwestern verliebt!

Über fünfeinhalb Stunden!

Frauen, vor allem sie und Royalisten, lassen sich gerne alljährlich von Romy Schneider in «Sissi» verzaubern. Die Trilogie gibt es am ersten Weihnachtstag an einem Stück: über fünfeinhalb Stunden! Ja seids ihr deppert? Sie haben richtig gelesen – ein wahrer Marathon. Tausend Mal gesehen, doch wem die gute alte Zeit gefällt, ist mit dieser biedermeierlichen Unterhaltungsware bestens bedient. Denn anspruchslose Heimatfilme und Liebesromanzen funktionieren an Weihnachten fast immer. Warum? «Weil Weihnachten als das Fest der Liebe apostrophiert wird und sich viele Menschen genau das wünschen: Die Liebe und Geborgenheit in der Familie», sagt Sennhauser. So kommen Romantiker über die Festtage generell nicht zu kurz. Sei es mit «Tatsächlich... Liebe», «Schlaflos in Seattle» oder «Bridget Jones» – wir lieben diese rührseligen Evergreens.

«Gegengift zur lieblichen Süsse»

Märchen und Romantik – für nostalgische Action-Liebhaber ein Graus. Sie feiern das heilige Fest lieber mit wortkargen 1980er-Leinwandhelden: «Terminator» oder «Highlander». «Es braucht eine Art Gegengift zu all der lieblichen Süsse», erklärt der Filmspezialist. Aber wenn der Actionfilm für Kompromisse zu brutal (oder zu hohl) ist, führt es uns zum frechsten Phrasendrescher der Achtziger: Eddie Murphy!

In der Rolle des «Beverly Hills Cop» Axel Foley treibt er mit seinem endlosen Geschwafel alle seine Gegner in die Flucht und lockt seine verkorksten Berufskollegen ins Striplokal. Teil 2 und 3 folgen selbstverständlich am zweiten Weihnachtstag. Kabel Eins sorgt dafür. Und noch für viel mehr, sprich Prügelorgien: So dürfen Bud-Spencer- und Terence-Hill-Fans von morgens bis abends mehr als 13 Stunden ihre Helden feiern. Fröhliche Weihnachten!

Einziger Wermutstropfen für grosse Jungs: «Stirb langsam» hat das Christkind dieses Jahr vergessen. Dabei gehört der Action-Klassiker mit Bruce Willis und seinem berühmten Spruch «Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke!» eigentlich genauso zu Weihnachten wie die Geschenke unterm Baum.

DER Weihnachtsklassiker

Wer es doch lieber so klassisch weihnachtlich mag, darf sich mit Charles Dickens «Eine Weihnachtsgeschichte» oder mit «Der Grinch» verweilen. Und auch wenn er uns nervt, werden wir uns vermutlich zum hundertsten Mal «Kevin – Allein zu Hause» reinziehen. Zu gross sind die Emotionen, die daran haften, um bei diesem 90er-Kassenschlager einfach wegzuzappen.

So oder so, für viele gibt es nur DEN Weihnachtsfilm schlechthin: «Ist das Leben nicht schön?» Seiner Zeit floppte das US-Melodrama von 1946, doch avancierte es mit den Jahren zum Klassiker. Von den Sorgen erdrückt, möchte ein gutherziger Geschäftsmann (James Stewart) ausgerechnet in der Weihnachtsnacht von einer Brücke in den Tod springen. Doch kommt alles ganz anders, als er von oben Hilfe bekommt: Ein schön sentimentaler Publikumsliebling, der über die Festtage mehrmals ausgestrahlt wird. «Diese Filme thematisieren Weihnachten und die zugehörigen Sehnsüchte auch noch ganz direkt», kommentiert Sennhauser.

In diesem Sinne: frohes Glotzen!

Weihnachts-Klasiker: Wann und wo?

Beverly Hills Cop: 23. 12., 20:15; 25. 12., 00:15, Kabel eins (Teil 2 und 3 folgen am 26.12.

Bridget Jones: 26. 12., 20:15, VOX

Bud-Spencer- und Terence-Hill-Filmtag: 25. 12., 06:40-20:15, Kabel eins

Das letzte Einhorn: 23. 12., 20:15, 4 Plus; 24. 12., 20:15, RTL II; 26. 12., 05:30, RTL II

Das Wunder von Manhattan: 24. 12. 16:15, Kabel eins

Der kleine Lord: 24. 12., 08:50, ORF eins; 26. 12., 16:10, SRF eins

Die Feuerzangenbowle: 24. 12., 13:35, ARD

Die Geister, die ich rief ...: 23. 12., 22:30; 24. 12., 14:10, Kabel eins

Die Schatzinsel (1966): 25. 12., 13:30 (Teil 1+2); 26. 12., 13:05 (Teil 3+4) 3sat

Disneys Eine Weihnachtsgeschichte (2009): 23. 12., 20:15; 24. 12., 15:55, sat.1

Der Grinch: 24. 12., 22:15; 25. 12., 14:35, VOX

Der Polarexpress: 24. 12., 18:00; 25. 12., 12:10, sat.1

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: 24. 12., 07:35, ORF eins; 12:10, ARD; 14.40 WDR; 15:30, SRF eins; 21:15, rbb; 23:15, hr; 25. 12., 08:35 BR; 08:50, NDR; 26. 12., 09:00, rbb; 16:15, MDR; 27. 12., 23:15, SWR

Eine Weihnachtsgeschichte (1984): 24. 12., 21:55; 25. 12., 02:40, 3sat

Highlander: 25. 12., 23:20, Kabel eins

Ist das Leben nicht schön?: 24. 12., 20:15, 23:30, STAR TV; 25. 12., 02:20, ARD; 08:05, hr; 21:45, 3sat; 22:25 rbb; 26. 12, 03:05 3sat

Kevin – Allein zu Hause: 24. 12., 20:15; 25. 12. 14:00, sat.1 (Teil 2 im Anschluss)

Loriot – Weihnachten bei Hoppenstedts: 24. 12., 15:45, ARD; 23:10, SR und SWR; 25. 12, 05:05 ARD; 12:20 SR und SWR

Michel aus Lönneberga: 24. 12., 13:25; 26. 12., 13:45, ZDF

Nightmare Before Christmas: 24. 12., 21:55; 25. 12., 23:35, Disney Channel

Pippi Langstrumpf: 25. 12., 08:00; 26. 12., 07:55, ZDF

Schlaflos in Seattle: 25. 12., 00:35, ARD

Sissi-Trilogie: 25. 12., 14:20-20:00, SRF zwei

Tatsächlich ... Liebe: 25. 12., 23:25, ZDF

Terminator: 24. 12., 22:05; 26. 12., 02:00, RTL II

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