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Immer wieder dieser Fisch

Katja Fischer De Santi

Erinnerung Das Wiedersehen nach langer Zeit fand überraschend statt. Im ungeheizten Treppenaufgang unserer Gemeindebibliothek lag er. Aussortiert, mit abgegriffenen Ecken, «zum Mitnehmen» lag «Der Regenbogenfisch» in einer Kiste. Zwar glänzten seine Schuppen auf dem Titelbild wie eh und je, doch seine Zeit, so fand die Bibliothekarin, sei abgelaufen. Weg mit dem erfolgreichsten Schweizer Bilderbuch aller Zeiten, übersetzt in 50 Sprachen, erzählt wohl in jedem Kindergarten dieses Landes. Ich konnte nicht anders, ich musste das Buch mitnehmen. Viele Erinnerungen hängen daran. Zwar war ich bei Erscheinen des Originals vor 25 Jahren schon etwas aus dem Bilderbüechli-Alter raus. Aber wo ich damals auch Kinder hütete, dieses Buch lag in jedem Kinderzimmer. Pastellig blau und glitzernd, ein Kindertraum.

Sie wollten auch glitzern, je mehr, desto besser

Für mich wurde es bald zu einem Albtraum. Immer wieder dieser Fisch, immer wieder diese Geschichte, immer wieder diese Moral: Wer nicht teilt, bleibt alleine. Schön zu sein allein genügt nicht.

Das Gefühl, dass diese Message bei meinen kleinen Hüeti-Mädchen ankam, hatte ich auch nach dem 20-maligen Vorlesen nicht. Sie verinnerlichten viel eher den ersten Teil der Geschichte: Wer schön glitzert, der wird bestaunt und verehrt. Dass Aufmerksamkeit immer auch mit Einsamkeit einhergeht, schien ihnen egal. Fazit: Sie wollten auch glitzern, je mehr, desto besser. Und stritten sich intensiv um meinen Glitzernagellack und die Sternchenaufkleber. Nicht besser wurde es einige Jahre später, als wir an einer Unterstufe ein Regenbogenfisch-Musical aufführten. Was gab es da für ein Gerangel um die Rolle des Glitzerfisches. Es gab Geschrei, Tränen und Telefonanrufe beleidigter Mütter. Die Wege des Regenbogenfisches und die meinen trennten sich danach für lange Zeit. Ich bekam nichts mit von seinen neuen Abenteuern. Wie er Frieden stiftet, die Angst überwindet, in die Tiefsee taucht, zum Retter wird und sogar noch schlafen lernt. Ging alles an mir vorbei. Bis zu diesem Tag in der Gemeindebibliothek.

Ich nahm das Buch, ich trug es heim zu meinen beiden Söhnen. Ich setzte mich hin und las es ihnen vor. Sie hörten sich die Geschichte geduldig an. Sie strichen interessiert über die glitzernden Schuppen. Als ich geendet hatte, schaute ich sie erwartungsvoll an. Hat es euch gefallen? «Geht so», antwortete mein Fünfjähriger, «der Fisch macht ja nicht viel, ausser Schuppen verschenken, was ja überhaupt nicht geht. Der Fisch würde in echt sterben.» Und der Dreijährige ergänzte, dass das ein bisschen ein Meitlibuch sei, die würden immer alle glitzern wollen. Worauf ich eine Gender-Debatte lostreten wollte, darüber, dass auch Buben glitzern dürfen und Mädchen Bagger fahren können. Meine Buben waren da aber schon in ihre Globibücher vertieft. Die Bibliothekarin hatte wohl Recht. Der Regenbogenfisch hat seine beste Zeit hinter sich.

Katja Fischer De Santi

katja.fischer@tagblatt.ch

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