US-Bestsellerautor
Richard Russos früher Roman «Mittelalte Männer» endlich auf Deutsch. Aber immer nur lustig ist zu wenig.

Der nun erschienene, frühe Roman «Mittelalte Männer» von Richard Russo gibt den späteren, brillanten Erzähler noch nicht zu erkennen.

Bernadette Conrad
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Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Russo.

Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Russo.

Hank Deveraux, Anglistikprofessor und Fakultätsvorsitzender um die fünfzig an einer kleinen, wie er selbst sagt «zweitklassigen» Fakultät in Pennsylvania, erzählt aus dem eigenen universitären Alltag und dem der «mittelalten Männer» um ihn herum. Hank ist ein Witzbold – zumindest hält er sich selbst für einen solchen, und so ist auch seine Erzählattitude so konstant auf «launig und amüsant» gestellt, als müsse er ununterbrochen beweisen, dass für ihn «alles ein grosser Witz» ist.

Richard Russo «Mittelalte Männer»

Richard Russo «Mittelalte Männer»

Zvg / Aargauer Zeitung

Die Männer arbeiten sämtlich am College, sie wohnen näher oder weiter von jenem Hügel entfernt, auf dem Hank und Lily ihr Haus gebaut hatten, als sie noch dachten, sie könnten ungestört bleiben. Sie begrüssen einander mit «Hallo, Arsch mit Ohren… wusste doch, dass du da bist», sie sagen: «Scheiss auf das Budget.» Oder: «Mit Vernunft zu rechnen ist der erste Denkfehler.» Die Budgetprobleme bringen Hank, den Fakultätsvorsitzenden, dazu, beim Gang über den Campus einer aggressiven Ente (fast) den Hals umzudrehen. Überhaupt dreht sich viel um Energie und Aggression, die sich bei falschen, oft etwas seltsamen Gelegenheiten entladen. Aber da einfach grundsätzlich nicht viel passiert in der überschaubaren Campus-Welt, sind diese Geschichten dann auch nur überschaubar komisch. Nach dem Enten-Zwischenfall sitzt Hank in der Kneipe und betrinkt sich, während er ohne konkretes Ziel die Frauen in seinem Bekanntenkreis durchtelefoniert. Auf der Toilette bemerkt ein junger Mann, dass Hank mit sich selbst geredet hat. «Und sein Urinstrahl trifft mit einer Kraft auf das Porzellan, dass ich schwache Knie vor Neid bekomme.»

Männer und deren Klein-Klein im Alltag

Mittelalte Männer! Sind es diese Dinge, die sie beschäftigen, wenn das Haus gebaut und weitgehend abbezahlt ist, die Kinder auf eigenen Füssen stehen und der Job keine bösen (aber auch keine guten) Überraschungen mehr erwarten lässt? Tatsächlich geht es in diesem 600-Seiten-Roman um kaum etwas anderes als um das «Klein-Klein» eines Alltags, in dem ein Enten-Zwischenfall reicht, «meinen Ruf als empörender, unvorhersehbarer Typ, jedenfalls an bescheidenen akademischen Massstäben gemessen», wieder zu festigen.

Vielleicht soll ja genau das erzählt werden: die tödliche Langeweile an einer mittelmässigen geisteswissenschaftlichen Fakultät, in der alle und keiner sich nah sind, alle Gespräche darum gehen, sich Jobs zu sichern, zu neiden, zu konkurrieren, und das bequeme Leben durch nichts stören zu lassen? Warum nicht, könnte man sagen. Nur: Welche Frage stellt dieser Roman? Welches Geheimnis umkreist er? Warum wurde er geschrieben? Tja. Richard Russo, Autor so spannender, ausgereifter Bücher wie «Diese gottverdammten Träume» (2016) und «Jenseits der Erwartungen» (2020) legt mit «Mittelalte Männer» einen Roman vor, bei dem man sich wundert, dass er nicht selbst beim Schreiben vor Langeweile gestorben ist.

Die gute Nachricht ist die, dass es sich bei dem im Original «Straight Man» (1997) betitelten Roman um eine Art Jugendsünde des damals erst 48-jährigen mittelalten Russo handelt. Vielleicht musste er sich ja einfach warmschreiben – um zwei Jahrzehnte später seine wirklich starken Bücher vorzulegen.

Richard Russo: Mittelalte Männer. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont, 604 Seiten.

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