Immer höher

Neu gesehen Giovanni Segantini (1858–1899) berührt. Seine Bilder von den Übergängen zwischen Tag und Nacht, Himmel und Erde, Leben und Tod, aber auch sein eigenes Leben faszinieren bis heute. Die Fondation Beyeler in Basel wirft einen neuen Blick auf sein Werk und sieht die Schönheit der Berge. Ursula Badrutt Schoch

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Heimwärts heisst dem Licht zu: Segantinis «Rückkehr vom Wald» von 1890, einst erworben von Otto Fischbacher, gilt als Ikone – und auch als Sinnbild für Einsamkeit und Tod. (Bilder: Foto Flury, Pontresina)

Heimwärts heisst dem Licht zu: Segantinis «Rückkehr vom Wald» von 1890, einst erworben von Otto Fischbacher, gilt als Ikone – und auch als Sinnbild für Einsamkeit und Tod. (Bilder: Foto Flury, Pontresina)

Da sind die Sinne noch voll von Chläusen, dem Rollen, Schellen und Zauren die halbe Nacht durch – und jetzt Segantini; Andacht überall, da wie dort!

«Ave Maria bei der Überfahrt», eines der berühmtesten Bilder überhaupt, gemalt kurz vor der eigenen Überfahrt Segantinis von der oberitalienischen Landschaft ins Oberhalbstein, lässt noch immer erschauern: der Mensch in Einklang mit der Natur.

Wenige Jahre zuvor, 1881, malt er «Ave Maria in den Bergen», eines der kaum je gesehenen Werke aus Privatbesitz, eine als Schatten im abendlichen Gegenlicht betende Frau mit Schaf. Auch sie voll Feierlichkeit und Demut.

Hingabe statt Heiterkeit

Nur schon das Denken an das Flirren von «Werden – Sein – Vergehen», jenes im Engadin stationäre Hauptwerk, das Segantini bis auf den Schafberg ob Pontresina zum Malen – und in den Tod – trieb, lässt erschauern; wie Zauren.

In Basel sind auch unbekannte grosse Papierarbeiten zum Triptychon zu sehen.

Der archaische, an Naturverehrungen gemahnende Brauch des Klausens, der nicht nur die Chläuse selber in einen Zustand der Trance versetzt, ist eine unerwartet gute Einstimmung auf eine Ausstellung zum Schaffen von Giovanni Segantini. Bei aller Hühnerhaut täte zudem beiden, den Chläusen und Segantini, teilweise etwas mehr Heiterkeit und Selbstironie gut.

Dass die jüngste Segantini-Ausstellung in Anspruch nimmt, neue Erkenntnisse zu vermitteln, mag die Feststellung dieser inneren Nähe verzeihen.

Auf dem Weg zur Abstraktion

Es geht um eine Neusicht und Neubewertung von Segantini, «nicht im materiellen Sinne», wie Kurator Guido Magnaguagno betont. Da gehöre Giovanni Segantini bereits zur höchsten Liga. «Es geht darum, ihn endlich in den internationalen Kontext zu stellen, in die Moderne.

» Solches lässt sich in der Fondation Beyeler mit ihren neben Segantini plazierten Arbeiten von van Gogh, Cézanne, Monet bis hin zu Newman und Giacometti bestens herrichten; und man denkt sich den Weg des bereits mit 41 Jahren verstorbenen Segantini weiter, wie es hätte kommen können, sieht ihn die Abstraktion erfinden im Sinne Mondrians, der mit Bäumen und Spiritualität zu seinen Kompositionen gekommen ist.

Von der Strasse in den Himmel

Giovanni Segantini ist ein Künstler der extremen Wechsel, im Leben wie in der Rezeption seines Werks: verwaist, in Erziehungsanstalten und auf der Strasse herangewachsen, ein Sans Papiers, praktisch ohne Schulbildung, dann gefördert, gefragt, berühmt, später als Heimatmaler verpönt und jetzt als Vordenker der Moderne gelobt.

75 Arbeiten sind in Basel vereint, zehn davon waren noch nie öffentlich zu sehen. Vieles hat die Urenkelin Diana Segantini in Italien aufgespürt; ein Selbstporträt des kaum Zwanzigjährigen etwa. Segantini zeigt sich stolz, den Blick hat er in die Höhe gerichtet, visionär, als wüsste er bereits genau, wo es ihn hinzieht, als ahnte er, dass er, geboren auf 200 Meter über Meer auf 2700 Meter streben und dort sterben wird.

Neue Funde – alte Sehnsucht

Kürzlich ist in Maloja im Estrich des Segantini-Hauses zudem eine Fotosammlung aufgetaucht, die belegt, dass Segantini bisherigen Behauptungen zum Trotz Fotomontagen für seine Bergpanoramamalerei benutzt hat.

Segantinis Werk ist eine einzige grosse Beschwörung der Natur. Aber es geht auch um die Suche nach menschlicher Wärme und nach respektvollem Umgang miteinander. Davon zeugen nicht nur die Mutter-Kind-Darstellungen.

Es ist die völlig gleichwertige Behandlung von Tier und Mensch – und ihre zunehmende Auflösung in der Landschaft –, die uns Segantini heute zeigt.

Fondation Beyeler Riehen/Basel, 16.Jan–25.April, täglich 10–18, Mi 10–20 Uhr; Katalog Verlag Hatje Cantz, Fr. 68.–

Göttliche Ruhe: Überfahrt 1886.

Göttliche Ruhe: Überfahrt 1886.