Immer ein Ohr in der Zukunft

HatHut Records ist eines der führenden Plattenlabel für modernen Jazz. Der Basler Ein-Mann-Betrieb feiert dieses Jahr sein 40-Jahr-Jubiläum. Werner Uehlinger hat sich in der ganzen Zeit eine Nase für aktuelle Trends bewahrt.

Christoph Wagner
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Labelchef Werner Uelinger. (Bild: Pee Wee Windmüller)

Labelchef Werner Uelinger. (Bild: Pee Wee Windmüller)

Eines Tages, Mitte der 1980er-Jahre, klingelte bei Werner Uehlinger das Telefon. Ein junger Mann aus New York war am Apparat, der meinte, Uehlingers Plattenfirma HatHut sei das beste Label der Welt, und er würde gerne ein Album dort veröffentlichen. Nachdem die Demo-Cassette eingetroffen war, kam der Deal zustande. «Die Musik war grossartig», schwärmt Uehlinger noch heute. Das Album «Cobra» von John Zorn wurde zu einer der epochemachenden Veröffentlichungen des experimentellen Jazz der 80er-Jahre.

Von John Zorn bis Sun Ra

Damals war HatHut Records schon zehn Jahre lang in Betrieb, und Uehlinger konnte auf eine beeindruckende Liste von Veröffentlichungen verweisen. Grosse Namen im Jazz wie Sun Ra oder David Murray gaben auf seinem Label ihre Musik heraus. «John Zorn kannte meine Schallplatten. Die gab es auch in New York zu kaufen. Die Hüllen waren aus Mikrowell-Karton gefertigt und sehr speziell», erzählt der Firmenchef.

Begonnen hatte alles eher zufällig. Werner Uehlingen war in den 70er-Jahren in der Marketingabteilung des Pharmakonzerns Sandoz beschäftigt. Abends stellte er den Plattenspieler an und legte modernen Jazz auf, der ihn immer mehr in den Bann zog. Über eine Mail-Order-Bestellung lernte er den amerikanischen Saxophonisten und Trompeter Joe McPhee kennen. Eine Geschäftsreise in die USA ermöglichte ein Treffen. McPhee spielte Uehlinger ein paar Demobänder vor. Der Schweizer war derart begeistert, dass er den Sprung ins kalte Wasser wagte und 1975 ohne jegliche Erfahrung im Musikbusiness HatHut Records aus der Taufe hob. Die ersten Veröffentlichungen waren von Joe McPhee.

Lange war es ein Nebenjob

Die Einspielungen schlugen Wellen. McPhee stellte Uehlinger befreundeten Musikern vor und so erweiterte sich allmählich der Katalog: renommierte Avantgardisten wie Anthony Braxton und Steve Lacy kamen dazu. Die sorgfältigen Editionen überzeugten. Ja selbst der Freejazz-Koloss Cecil Taylor erteilte dem Schweizer Label den Zuschlag. Mit dem Katalog wuchs die Reputation. Nun tauchte HatHut in den Bestenlisten der amerikanischen Jazzmagazine auf und festigte seinen Ruf, eines der tonangebenden Labels des modernen Jazz zu sein.

Lange Zeit fuhr Uehlinger zweigleisig. Tagsüber Brotjob, abends Jazzproduzent und Plattenverkäufer. «Ich war geschäftlich viel auf Reisen und nahm immer einen Stapel von Schallplatten mit, die ich dann in den jeweiligen Städten in Plattengeschäften unterzubringen versuchte», erinnert sich der Label-Betreiber an die Anfangszeit. 1985 machte er aus dem Hobby eine Vollzeitbeschäftigung, die Berufung zum Beruf.

Kleine Kunstwerke

Bis heute operiert HatHut als «Cottage-Industry». Das Büro befindet sich in Uehlingers Basler Wohnung, die LPs lagerten anfangs im Keller seiner Eltern. Jazz ist eine Überlebenskunst. Gemeinkosten niedrig halten, eigene Ressourcen nutzen, lautet das Prinzip. Für die Produktion der Schallplatten galt das Spar-Gebot dagegen nicht: Hier war das Beste gerade gut genug! «Es sollten ja kleine Kunstwerke sein», umreisst Uehlinger seine Philosophie, an der sich bis heute wenig geändert hat. Das Cover von John Zorns «Cobra»-Album wurde etwa von der japanischen Manga-Cartoonistin Kiriko Kubo entworfen.

Förderung junger Talente

Ende der 80er-Jahre kam eine Reihe mit avantgardistischer E-Musik dazu: Alben von Morton Feldman, John Cage und Earle Brown erschienen – alles exquisite Produktionen, doch schwer unter die Leute zu bringen. Wenn HatHut keine Sponsoren gefunden hätte, wäre das Label wohl nicht über die Runden gekommen, denn Kompromisse wollte Uehlinger keine machen. Lieber fördert er junge Talente aus der Schweiz wie den Posaunisten Samuel Blaser, die Pianistin und Komponistin Luzia de Wyl oder den Pianisten Michel Wintsch. Trotz seines Alters, er wird dieses Jahr achtzig, hat sich Uehlinger eine Nase für aktuelle Trends bewahrt. «Seit 1975, ein Ohr in die Zukunft» – für den Labelbetreiber ist das HatHut-Motto eine Verpflichtung.

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