«Immer bedrängte mich das Gefühl, dass es noch irgendetwas gab, das ich ihr sagen wollte»: Melitta Breznik hält die letzten Wochen ihrer sterbenden Mutter fest

Die in der Schweiz lebende österreichische Autorin und Ärztin Melitta Breznik hält die letzten Wochen ihrer sterbenden Mutter fest. Ein grundehrliches und besonnenes Protokoll in der tagebuchartigen Ich-Form, eindringlich, aber nie pathetisch.

Anna Wegelin
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Melitta Breznik legt ein eindrückliches Protokoll vom Sterben ihrer Mutter vor.

Melitta Breznik legt ein eindrückliches Protokoll vom Sterben ihrer Mutter vor.

Bild: Peter von Felbert

Der persönliche Bericht «Mutter. Chronik eines Abschieds» von Melitta Breznik geht uns nahe. Der Text fliesst zwar grösstenteils leicht dahin, aber er zehrt an der Substanz. Die Autorin und Ärztin aus Österreich mit Jahrgang 1961, die in Schuls und Zürich lebt und arbeitet, hält in ihrem sechsten preisgekrönten Buch die letzten Wochen ihrer sterbenskranken alten Mutter bis zum erlösenden Tod fest, die sie, ihre Tochter, pflegt und beim Sterben begleitet. Ein grundehrliches und besonnenes Protokoll in der tagebuchartigen Ich-Form, eindringlich, aber nie pathetisch.

Die schnörkellosen Aufzeichnungen handeln von schwerwiegenden Themen: Zerfall und Würde, Verlust und Erinnerung, Distanz und Nähe, aber auch Güte und Geborgenheit, Sexualität und Identität sowie Freundschaft – und Wut und Versöhnung.

Während sich der Körper der Mutter unaufhaltsam auflöst «in einer elfenbeinfarbenen Zeitlosigkeit», schreibt die Tochter, selber im «schreitenden Verlust des prallen Lebens», gegen den Tod ihrer bedingungslos geliebten Mutter an. Denn jetzt ist gewiss: Die Frau, die sie in die Welt gesetzt hat, wird sie für immer verlassen und es bleibt nur wenig gemeinsame Zeit.

«Immer bedrängte mich das Gefühl, dass es noch irgendetwas gab, dass ich ihr sagen wollte, etwas, dass nicht verloren gehen durfte zwischen uns.»

Sechs Wochen und eine Ewigkeit

Es ist Mitte Oktober und die 50-jährige Tochter, «Kind einer Arbeiterfamilie» und heute vielbeschäftigte Psychiaterin in der Schweiz, reist zu ihrer 91-jährigen Mutter an den Ort ihrer Kindheit in die steirische Kleinstadt, die Graz sein könnte. Die Mutter hatte zwar in der Vergangenheit immer wieder gesundheitliche «Unpässlichkeiten» und erkrankte zwei Mal schwer. Doch dieses Mal geht es ihr besonders schlecht. Nach dem Befund, Bauchspeicheldrüsenkrebs im letzten Stadium, meint die Mutter stoisch zu ihrer Tochter: «Komm wir gehen hin sterben.»

Die beiden verbringen anderthalb intensive und intime Monate zusammen in der kleinen Wohnung der Mutter, die seit zwei Jahren in einer Hausgemeinschaft mit älteren Frauen daheim ist – ein «Neuanfang im letzten Abschnitt». Sie erleben schöne Momente zusammen wie zum Beispiel ein gemeinsames Kartenspiel oder die Erinnerung an Wanderungen zu zweit durch Wälder und Wiesen.

Es gibt schlimme Momente, wenn zum Beispiel die Tochter zusehen muss, wie die Mutter ihren Darmausgang nicht mehr kontrollieren kann. Es gibt witzige Momente, in denen der (Galgen-)Humor von Mutter und Tochter das Unerträgliche erträglich macht. Und es gibt für die Tochter einen sehr schwierigen Moment, in dem lange Verdrängtes plötzlich an die Oberfläche dringt – und Verzeihen möglich wird.

Wenn das Kind in einem stirbt

«Mit dem Tod der Eltern geht auch eine Phase unseres eigenen Lebens zu Ende – die, jemandes Kind zu sein», schreibt Andrea Köhler in der NZZ über Melitta Brezniks Buch und mit Bezug auf eine Schlüsselstelle, die den Text um eine neue Dimension erweitert und ihm einen speziellen Sog verleiht. Es geht um Kinder, die erst gar nicht geboren wurden, und um Kinder, die die Welt viel zu früh verlassen mussten – sowie um die Frau, die das Kind in sich trug.

In «Mutter.» geht es auch um den Weg und das Selbstverständnis zweier inniglich und schicksalhaft miteinander verbandelter Frauen im Kontext ihrer jeweiligen Zeit und um ihre Emanzipation. Die Mutter hat als junge Frau den Zweiten Weltkrieg in Deutschland erlebt und gründet ihre Familie in der Nachkriegszeit. Sie «kämpft» und «erduldet» fast ein Leben lang und ihren Platz sah sie zwischen Küche, Kinder und Schrebergarten. Die Tochter hingegen hat dieses tradierte Rollenmuster hinter sich gelassen und Karriere gemacht. Dafür hadert sie mit ihrer Kinderlosigkeit und dafür gibt es einen besonderen Grund.

Da sein, wenn der Tod kommt

Als der Mutter der «Tod ins Gesicht geschrieben ist» und sich ihr vom ständigen Erbrechen ausgedorrter Körper Schritt für Schritt verschwindet, sagt sich die Tochter: «Die Grenze des Ertragbaren ist erreicht.» An Allerseelen aber ist in ihr der Entschluss gereift, bis zum Schluss an der Seite ihrer Mutter zu bleiben:

«Ich möchte anwesend sein, wenn der Tod kommt. Ich möchte Mutters Hand halten, möchte auf Wiedersehen sagen, ihr den letzten Dienst erweisen und ihr die Augen schliessen.»

Als die Mutter, ein gläsernes, in sich zusammengefallenes Bündel «friedvoll schläft», notiert ihr Kind: «Ich kann dann einfach eine Weile lang da sitzen und nichts tun, fühle eine Gelassenheit dem Leben gegenüber und bin dankbar.»