Im Wiener Strudel

In Wien dreht sich vieles um Musik – wenn es nicht gerade um Politik geht.

Rolf App
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Musik berührt alle: Links die Erwachsenen mit der Oper «Capriccio» (oben Lars Woldt als Theaterdirektor La Roche, unten Daniel Behle als Flamand, Maria Bengtsson als Gräfin, Daniel Schmutzhard als Olivier), rechts die Kinder im interaktiven Klangmuseum «Haus der Musik». (Bilder: Theater an der Wien/Herwig Prammer; Haus der Musik/Inge Prader)

Musik berührt alle: Links die Erwachsenen mit der Oper «Capriccio» (oben Lars Woldt als Theaterdirektor La Roche, unten Daniel Behle als Flamand, Maria Bengtsson als Gräfin, Daniel Schmutzhard als Olivier), rechts die Kinder im interaktiven Klangmuseum «Haus der Musik». (Bilder: Theater an der Wien/Herwig Prammer; Haus der Musik/Inge Prader)

Im Burgtheater soll am Abend André Heller sein neues Buch vorstellen. Wie ich anderntags beim Apfelstrudel lese, ist die Veranstaltung bis auf den letzten Platz besetzt. Auch VdB ist da und wird von Heller aufgemuntert. VdB, erfahre ich aus dem Zusammenhang, ist Alexander van der Bellen, der grüne Präsidentschaftskandidat. Politik und Kultur, sie bildeten in Österreich schon immer eine besondere Melange. Im Guten wie im Bösen.

Was für Hollywood die Leinwandstars, das sind in Wien die Dirigenten, Sängerinnen und Komponisten: Das Areal um die Staatsoper ist von in den Asphalt eingelassenen Sternen übersät. Unmittelbar vor der Oper finden sich jene von Richard Strauss und Clemens Krauss.

Die Tafel für die Ermordeten

Nicht weit entfernt findet sich im «Haus der Musik» nicht nur eine Etage, die den grossen Wiener Komponisten Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johann Strauss und Gustav Mahler gewidmet ist, sondern, ganz unten, ein Museum der Wiener Philharmoniker. Da kann man Taktstöcke grosser Dirigenten bewundern, kann dem Neujahrskonzert beiwohnen, Hans Pfitzners voluminöse Originalpartitur zur Oper «Palestrina» anschauen und eine grosse Tafel studieren, gewidmet den von den Nazis ermordeten und vertriebenen Mitgliedern der Wiener Philharmoniker. Pfitzner, der früh schon den Antisemitismus in der Musik salonfähig gemacht hatte, und die ermordeten Musiker: Auch in diesem Spannungsfeld bewegt man sich in dieser Stadt.

Was nichts daran ändert, dass das Berührtwerden durch die Musik uns gewissermassen angeboren ist. Weiter oben im «Haus der Musik» erklingen seltsam gedämpfte Rhythmen; das ist, was wir im Mutterleib hören. Auf komplizierten Wegen dringt es ins Gehirn und begründet eine oft lebenslange Faszination.

Die Philharmoniker dirigieren

Und eine Kultur, die nirgends so tiefe Wurzeln geschlagen hat wie in Wien. So dass wir zuoberst noch einmal auf die Wiener Philharmoniker stossen, diesmal als realen, auf eine Leinwand projizierten Klangkörper, den die Besucher selber dirigieren können. Zwei Kinder versuchen es gerade, schwenken den Taktstock, mal viel zu langsam, mal zu schnell, bis das immer kakophonischer klingende Orchester abbricht und der älteste Musiker empört das Wort ergreift. Er sei schon lange dabei, aber so etwas habe er doch noch nie erlebt, sagt der Mann.

Da lassen wir denn doch lieber einen Profi ans Dirigentenpult im «Theater an der Wien». In der U-Bahn-Station Karlsplatz zeigt ein Pfeil, in welche Richtung es geht, vor mir eine junge, ganz in Schwarz gekleidete Frau mit Geigenkoffer. Sie wird mich wohl führen. Wir zweigen nach rechts ab, biegen ins Papagenogässchen ein. Am Ende trennen sich die Wege, sie strebt zur Künstlerpforte, ich zum Haupteingang.

Schikaneders Pferde

Eine Tafel macht darauf aufmerksam, dass hier Beethoven gewohnt hat, und dass seine Oper «Fidelio» hier uraufgeführt worden ist. Emanuel Schikaneder hat das Theater 1801 bauen lassen mit dem Geld eines Herrn Zitterbarth, um seinem grossen Konkurrenten in Theatersachen Paroli bieten zu können.

Der gesellschaftliche Aussenseiter Schikaneder, für den Mozart die Rolle des Papageno in der «Zauberflöte» geschrieben hat, hat ein Haus der Superlative entwerfen lassen, man kann es noch heute sehen. Mit dannzumal 2200 Plätzen, mit viel Samt und Gold, mit Logen über mehrere Etagen, und mit einer Bühne, auf der er bei der Eröffnung zu «Alexander», einer «grossen heroischen Oper», 32 Pferde aufmarschieren lässt.

An diesem Abend im Mai 2016 freilich steht nichts Heroisches auf dem Programm. Sondern «Capriccio», die letzte Oper von Richard Strauss nach einem Libretto von Clemens Krauss, 1942 unter der Schirmherrschaft des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels uraufgeführt.

Viele Helme und ein Kranz

Henrik Ahr hat eine karge Treppe auf die Bühne gestellt, mit Helmen auf den Stufen und einem Trauerkranz. Tatjana Gürbaca verknüpft in ihrer Regie die Entstehungsgeschichte mit einer Handlung, die in ihrer höfischen Eleganz weit, weit entfernt scheint. Und schlägt so einen Bogen, der den Abend spielend trägt. Strauss selber hat sich tief mit den Nazis eingelassen, bis sie ihn dann mit seiner jüdischen Schwiegertochter erpressen.

Resigniert zieht er sich nach Wien zurück, komponiert ein nostalgisches Stück wie «Capriccio», die Geschichte einer Gräfin (verkörpert von Maria Bengtsson) zwischen zwei Männern, dem Musiker Flamand (Daniel Behle) und dem Dichter Olivier (Daniel Schmutzhard). Das Ende bleibt offen, die wundervolle Stimme Maria Bengtssons überstrahlt es, wie die Musik denn doch die Zeiten überstrahlt. Auch die dunklen.

Der alte Kaiser Franz Joseph hat um diesen überzeitlichen Wert der Kunst wohl gewusst, eine Ausstellung in der Nationalbibliothek ist dem vor hundert Jahren verstorbenen «ewigen Kaiser» gewidmet. Sie erzählt auch von Katharina Schratt, einer Schauspielerin, die der Kaiser durch ein Arrangement seiner Frau Elisabeth kennen lernt, und der er mehr als 900 liebevolle Briefe schreibt. Ganz selbstverständlich ist dieser Herrscher auch ein Liebhaber der Kultur. Und wie durch ein Wunder bleibt sein prachtvoller Aufenthaltsraum in der Staatsoper im März 1945 beim grossen Bombardement des Hauses unbeschädigt.