Im Visier des Geheimdienstes

Bespitzelung und Denunziation in der Schweiz werden oft verharmlost – diese Erfahrung macht Schriftsteller Lukas Hartmann derzeit bei Lesungen aus seinem Roman «Auf beiden Seiten». Ein Buch mit persönlicher Vorgeschichte.

Bettina Kugler
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Lukas Hartmann macht sich vor Lesungen auf viele Fragen gefasst – aber auch auf ahnungslose Leser. (Bild: Urs Bucher)

Lukas Hartmann macht sich vor Lesungen auf viele Fragen gefasst – aber auch auf ahnungslose Leser. (Bild: Urs Bucher)

Manchmal fallen Lukas Hartmann Geschichten unverhofft zu und kommen gerade zur rechten Zeit. Wie damals, als ihm ein anonymer Anrufer nachts am Telefon von einer kindlichen Missetat erzählte: einem schlimmen Bubenstreich, der diesen Mann bis in die Gegenwart verfolgte. Wäre Hartmann mitten in einem anderen Roman gewesen, so hätte er wohl zugehört – sich aber nicht ablenken lassen.

«Doch in Latenzphasen bin ich für solche mir von aussen zugespielten Geschichten durchaus empfänglich», sagt er. So nahm er den Faden der nächtlichen Lebensbeichte auf. Er veränderte die Hauptfigur, machte aus dem Erzähler einen Musiker und Forscher und nannte den fertigen Roman «Die Deutsche im Dorf». Es wurde eines der bekanntesten Bücher von Lukas Hartmann.

«Ich war kein Radikaliniski»

Anders war es bei «Auf beiden Seiten», seinem Ende März erschienenen neuen Roman. Aus ihm liest Hartmann an jenem Abend in der St. Galler Kellerbühne. Erzählt wird darin, in Zeitsprüngen und aus mehreren Blickwinkeln, eine Familiengeschichte im Zeichen des Kalten Krieges – wohlgemerkt in der Schweiz. Abseits des Eisernen Vorhangs macht das Buch eine geradezu paranoide Angst vor dem Kommunismus spürbar, richtet den Blick auf die Aktivitäten des Schweizer Geheimdienstes, die geheime Widerstandsorganisation P-26, die Fichen.

Lukas Hartmann selbst stand seinerzeit unter Beobachtung, Nachbarn gaben Auskunft über ihn. «Solche Bespitzelungen hatten zwar, anders als bei vielen Stasi-Opfern, selten zur Folge, dass man ins Gefängnis kam», sagt er. «Aber vielleicht hatte man Schwierigkeiten, die eine oder andere Stelle zu bekommen.» Er sei nicht einmal «ein Radikaliniski gewesen, sondern einfaches SP-Mitglied». Und Journalist. Dass Denunziation und Bespitzelung in der Schweiz weit verbreitet waren, werde noch immer verharmlost. Das merkt Hartmann auch an den Fragen, die ihm nach Lesungen aus dem Buch gestellt werden.

Der unbequeme Leser

Gerade ist er mit «Auf beiden Seiten» auf Lesereise. Eine dichte, anstrengende Zeit, in der ihm eine neue Geschichte über den Weg laufen könnte. Die Stunde der Wahrheit nach der Zurückgezogenheit beim Schreiben: eine Erfahrung, die viele Schriftsteller zugleich herbeisehnen und fürchten. Im direkten Kontakt mit den Leserinnen und Lesern zeigt sich, was gelungen ist, was anspricht und fesselt – und was dagegen irritiert, Fragen aufwirft, auf Widerspruch stösst. Etwa bei den Hobbyhistorikern und Sprachpedanten, die ihm zuweilen Fehler vorhalten – oder vermeintliche Helvetismen.

Mit Kindern phantasieren

Wesentlich lockerer geht es zu und her, wenn Hartmann in Schulhäusern und Bibliotheken aus seinen Kinderbüchern liest. Er freut sich auf die neugierigen, unbefangenen Fragen, lässt Kinder selber weitererzählen oder sich drei Wörter zurufen, aus denen er eine Geschichte improvisiert. Oft kippt die vertraute Welt dabei ins Phantastische: etwa, wenn er sich für seinen Enkel eine magische Zahnspange ausdenkt.

Biographische Spuren

Dass er über die Zeit vor und nach 1989, den Fall der Berliner Mauer und den Zusammenbruch der Systeme einen Roman schreiben würde, wusste Hartmann schon seit Jahren. Es gab biographische Anknüpfungspunkte. Er selbst kehrte, wie im Buch der Journalist Mario, am Abend des Mauerfalls von einem längeren Afrika-Aufenthalt in die Schweiz zurück – und sah die unwirklich scheinenden Bilder nachts im Fernsehen. Er war wie Mario noch ein Jahr zuvor in der DDR, erlebte die seltsame Mischung aus Zerfall und erhöhter Alarmbereitschaft.

Mut zum Papierkorb

Ein neuer Roman ist bereits in Arbeit, in einem Stadium, in dem er noch nicht viel preisgibt. Nur dass er sich für einmal vorgenommen hat, «ordentlich von A bis Z» zu erzählen. Was Lukas Hartmann in der Regel meidet. «Ich mag das Assoziative, den Wechsel der Ebenen und Perspektiven. Für mich entspricht es der Unordentlichkeit von Erinnerungen. Wir überblicken selten das Ganze, sondern klammern uns an Fragmente; wir fälschen, vergessen, beschönigen.»

Das heisst freilich nicht, dass sich Hartmann vom Geschriebenen überraschen lässt. Er recherchiert gründlich, zeichnet Pläne, verwendet dabei verschiedene Farben: wichtige Schritte der Komposition. Die er hin und wieder dann auch verwirft oder vorläufig beiseite legt, wenn sie ihn nicht überzeugt. «Das ist mein Berufsrisiko. Man muss abbrechen können, selbst wenn man viel investiert hat.»

Lukas Hartmann ist in «52 beste Bücher» live von den Solothurner Literaturtagen zu hören. So, 17.5., Radio SRF2 Kultur, 11.03 Uhr