Im Velotenue an den Plattentellern

Neun Städte, drei Männer und ein Ziel: Mit blosser Muskelkraft musikalisch durch die Schweiz zu radeln. Mit der Tour de Disque wollen die Ostschweizer aufzeigen, dass es nicht viel braucht, um das Zusammenkommen zu zelebrieren.

Virginia Alder
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Bepackt mit Schallplatten, Drinks und viel Energie radeln Niklaus Reichle, Manuel Bärlocher und Philipp Grob (v.l.) durch die Schweiz. (Bild: pd)

Bepackt mit Schallplatten, Drinks und viel Energie radeln Niklaus Reichle, Manuel Bärlocher und Philipp Grob (v.l.) durch die Schweiz. (Bild: pd)

Mit verschwitztem Velotenue, Dächlichappe und mit Gesässschmerzen strampeln sie unter dem heissen Sommerhimmel wieder durch das Schweizer Flachland. Die Rede ist nicht von den Radprofis der Tour de Suisse, sondern von den kreativen Köpfen Niklaus Reichle (29) und Manuel Bärlocher (28), die mit ihrer Tour de Disque unterwegs sind. Immer mit dabei auf dem Gepäckträger: ein paar Kilo Schallplatten und zwei batteriebetriebene Plattenspieler.

Das Konzept ist simpel: mit blosser Muskelkraft musikalisch durch die Schweiz radeln. Tagsüber in die Pedale treten und nachts im nassen Tenue an den Plattentellern stehen.

«Es braucht wenig, um zu feiern»

Bereits im vergangenen Jahr starteten die zwei Ostschweizer ihre eigene Rundfahrt durch die Schweiz. Befahren wurden die Städte Luzern, Basel und Konstanz. Vom Erfolg befeuert, weiten sie die Route diesen Sommer auf neun Städte aus – und ganz wichtig: Mit auf Tour wird dieses Mal ihr eigener Bartender Philipp Grob (32) sein, der die Besucher mit seinen Spezialitäten-Cocktails überraschen will.

Der Grundgedanke des Projektes sei es, aufzuzeigen, dass es wenig brauche, um das Zusammenkommen zu zelebrieren. «Es ist sehr einfach, auch an einem alltäglichen Ort einen interessanten und bewegenden Anlass zu machen», erzählt Niklaus Reichle begeistert. Er betreibt das Plattenlabel «La Suisse Primitive» und arbeitet als Soziologe. «Es braucht weder einen grossen Veranstalter noch einen exklusiven Club.» Und er schwärmt weiter: «Auch aus jeder noch so kleinen Idee kann etwas Geniales entstehen.»

Analog macht aufmerksam

An gewöhnliche Orte wird es die drei aber kaum verschlagen, wie sie bereits verraten: «In Bern sind wir in einer Siebdruckwerkstatt, in Zürich auf einer Dachterrasse, in Genf in einem Plattenladen und in Schaffhausen auf einem Skatepark anzutreffen.» Auch fernab der Zivilisation und unabhängig von Elektrizität können die zwei mit ihren batteriebetriebenen Plattenspielern Stimmung machen. «Mit analoger Technik soll das Musikhören ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden», sagt Manuel Bärlocher aus Rorschach, der hauptberuflich auf dem Steueramt seine Brötchen verdient und regelmässig als DJ unterwegs ist.

Die Momente geniessen

Im Sinne der Entschleunigung werden die drei sämtliche Strecken mit dem Velo zurücklegen. Dabei wollen sie ein Gefühl für die weiten Distanzen erhalten und sich gleichzeitig Zeit nehmen, sich auf die einzelnen Abende zu fokussieren, «ohne ständig an Smartphones und Laptops zu hängen».

Das Projekt sei darauf angelegt, dass man einen Schritt zurück gehe. Die drei sind sich einig: «Man geniesst die Momente viel mehr.» Ganz ohne technische Hilfsmittel geht es aber doch nicht, wie sie gestehen: «Wir müssen den Weg finden, darum brauchen wir ab und zu Hilfe von Google Maps.»

Die Devise des Geniessens gilt auch für die Cocktails: Ein schnell zusammengeschütteter und runtergekippter Vodka Redbull kommt für den experimentierfreudigen Bartender Philipp Grob, der das Label Cocktails & Bitters betreibt, nicht in Frage. «Meine sorgsam zubereiteten Spezialitäten-Cocktails gilt es mit Zeit zu geniessen.»

«Wir haben im Sitzen aufgelegt»

Bevor die drei ihre herausfordernde Rundreise starten, muss noch einiges an Trainingsarbeit geleistet werden, betont Niklaus Reichle: «Im letzten Jahr haben wir sogar mal im Sitzen aufgelegt, weil die Beine so schwer waren.» Einzig Bartender Philipp trainiert seine Waden für die anstrengende Reise, weil er zurzeit als Velokurier durch die Strassen St. Gallens radelt. Aber ohne Wadenkrämpfe und Gesässschmerzen im Schlepptau wäre die Tour de Disque bestimmt nicht das, was sie schon letztes Jahr war: «Sehr anstrengend, aber legendär», sagt Reichle.

Tourstrecke auf Facebook unter Tour de Disque, am 12. Juli zelebrieren sie die Zieleinfahrt in St. Gallen bei der Tankstell Bar.