Im tosenden Meer der neuen Reize

Die Welt der Technik und Kunst dreht sich immer schneller. Wie wird dadurch unser Zusammenleben? Was heisst das für die Zukunft? Am Medienkunstfestival Transmediale in Berlin wird klar: Dass kulturelle und wissenschaftliche Gewissheiten einstürzen, ist auch eine Chance.

Merken
Drucken
Teilen
Kunst und Technik finden an der Transmediale in Berlin zusammen. Die digitale Welt überschaubar zu halten, ist Thema in dieser Installation des Künstlers David Bowen. (Bild: transmediale/Juan Quinones)

Kunst und Technik finden an der Transmediale in Berlin zusammen. Die digitale Welt überschaubar zu halten, ist Thema in dieser Installation des Künstlers David Bowen. (Bild: transmediale/Juan Quinones)

Noch vor 15 Jahren war das Internet ein Spielraum für Computerfreaks. Modems gaben beim Einwählen ins Netz noch rauschende und piepende Geräusche von sich. Smartphones waren Science-Fiction, die Briefpost noch das üblichste Kommunikationsmittel in der Geschäftswelt. E-Mails verwendeten nur Web-Enthusiasten. Facebook und YouTube waren höchstens kühne Träume von Visionären. Google war ein bedeutungsloses Start-up, und Apple schien dem Ende nah.

Gingen technologische und gesellschaftliche Entwicklungen früherer Generationen noch im Schneckentempo vor sich, lässt sich der Prozess der vergangenen 20 Jahre mit einer Rakete vergleichen.

Pluto, der einst ein Planet war

Die immer schnelleren Veränderungsprozesse werden im Fachjargon als BWPWAP bezeichnet. Die Abkürzung bedeutet «Back When Pluto Was A Planet» – als Pluto ein Planet war. Seit 2006 ist er das bekanntlich nicht mehr. Aufgrund neuer Messmethoden und Beobachtungsmöglichkeiten «degradierte» die Internationale Astronomische Union Pluto zu einem Zwergplaneten, Nummer 134340.

BWPWAP ist das Motto der diesjährigen Transmediale in Berlin, dem Festival für Kunst und kreative Anwendung digitaler Medien. «Pluto ist für uns eine Art Metapher dafür, wie schnell sich kulturelle und wissenschaftliche Gewissheiten und auch technologische Entwicklungen heutzutage verändern können», sagt Kristoffer Gansing, der schwedische Kurator der Transmediale. Wissenschafter, Künstler und Netzaktivisten diskutieren die vergangenen Technologien und deren Auswirkungen. Der medienarchäologische Bezug wird dieses Jahr stark geprägt von der «Remix»-Kultur, also der Kombination von Altem und Neuem.

Die Ausgangslage: Die Wissenschaft schreitet pausenlos voran und stellt gängige Standards in Frage. Scheinbar in Stein gemeisselte Lehrmeinungen verlieren schon morgen ihre Gültigkeit. Es gibt vordergründig nichts mehr, woran man sich festhalten und orientieren könnte. Zur technologischen Überforderung kommt die aktuelle globale Unsicherheit, die durch Wirtschafts- und Sozialkrisen ausgelöst wird, hinzu.

Halten wir Menschen diese permanente Unsicherheit, kombiniert mit der technologischen Überforderung und der steigenden Komplexität, überhaupt aus?

Vier Quantensprünge in 5000 Jahren

Die Welt sei heute tatsächlich komplizierter als noch im 19. Jahrhundert, stellt der deutsche Soziologe Dirk Baecker von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen fest. Allerdings sei der heutige Bruch, also die Digitalisierung unserer Gesellschaft, auch überschaubar. «Der eigentliche Quantensprung war 1890, mit der Einführung der Elektrizität», glaubt der Kulturwissenschafter. Einzelne Forscher gehen davon aus, dass die Welt linear seit rund 5000 Jahren zunehmend komplexer wird.

In diesem Zeitraum hat es vier kulturtechnische Epochensprünge gegeben, in denen die Komplexität sprunghaft angestiegen ist. «Jedesmal waren die Menschen überfordert mit der Einführung einer neuen Technik», sagt Baecker. Die erste Überforderung kam mit der Erfindung der Schrift. Vor mehr als 5000 Jahren war der Mensch zum ersten Mal in der Lage, Gedanken nicht nur mündlich zu formulieren, sondern sie auch schriftlich zu fixieren. Die zweite Überforderungsstufe ereignete sich Mitte des 15. Jahrhunderts, als Gutenberg die Druckmaschine und damit das Buch erfand. Auf einmal war es möglich, Schriften zu vervielfältigen. Die Aristokratie, die Bildung als ihr eigenes Hoheitsgebiet zu verteidigen versuchte, sah durch die Flut an gedruckten Büchern ihren Machtanspruch in Gefahr. Das Buch alphabetisierte breite Bevölkerungsschichten. Die dritte Schwelle war die Erfindung des Computers Mitte des 20. Jahrhunderts, und die vierte Unsicherheitsebene spielt sich jetzt ab mit der Einführung des Internets und der Digitalisierung der Gesellschaft.

Internetsucht und Reizüberflutung

Wieder soll uns das neue Medium überfordern. Kulturkritiker beklagen die mediale «Reizüberflutung» und die soziale Vereinsamung, die Facebook und Co. zur Folge haben sollen. Diese Reaktion sei völlig normal, sagt Baecker. «Die einen sind süchtig nach dem Internet, die anderen haben eine starke Ablehnung, und die Dritten wissen gar nicht, um was es geht.» Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Menschheit in etwa 20 Jahren den Umgang mit Computer und Internet, sowie deren Chancen und Risiken, verstanden haben wird.

Neue Formen der Kulturproduktion

Einer, der die Grenzen des neuen Mediums auslotet, ist der Sprach-Avantgardist Kenneth Goldsmith. Der Amerikaner – der vor einigen Jahren eine vollständige Ausgabe der «New York Times» abgetippt und als Buch veröffentlicht hatte – plädiert für einen neuen, radikaleren Umgang mit Literatur und Medien. Das Abschreiben und Abtippen sieht er als neue Kunstform. Die gesamte Popkultur sei geprägt durch das «Remixen», sagt Goldsmith. «Alles ist eine Kopie der Kopie.» In Musik und Film sei diese Produktionsform längst etabliert, nur in Literaturkreisen sei kopieren noch immer verpönt. Eine künftige Leistung von Schriftstellern sei es deshalb, bekannte Geschichten neu zu «rahmen».

Durch Twitter oder Blogs kann heute jeder Journalist oder Schriftsteller sein. Inhalte weiterverbreiten und kopieren ist für Goldsmith bereits fester Bestandteil unserer Alltagskultur. Wichtig sei nur die Referenz auf die «Originalquelle».

Philipp Bürkler, Berlin