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Interview

Der Neue bei der Thurgauer Kulturstiftung: «Politiker haben von Kultur meist keine Ahnung»

Stefan Wagner ist ab Dezember neuer Beauftragter der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Künstler gibt es für ihn nie zu viele.
Christina Genova
Stefan Wagner stösst neu zur Kulturstiftung. (Bild: PD)

Stefan Wagner stösst neu zur Kulturstiftung. (Bild: PD)

Stefan Wagner wird als Beauftragter der Thurgauer Kulturstiftung der Nachfolger von Gioia Dal Molin. Der 46-jährige Kunsthistoriker ist in Gossau aufgewachsen und lebt in Zürich. 2013 erhielt der Kurator den Swiss Art Award im Bereich Vermittlung.

Bisher waren Sie vor allem in Zürich tätig. Warum wollen Sie in die Provinz?

Stefan Wagner: Natürlich ist der Thurgau kulturell klar etwas anderes als Zürich. Fern der Metropolen gibt es aber Orte mit Qualitäten und Möglichkeiten, die sich dort nicht bieten.

Zum Beispiel?

Kleine, noch nicht so gefestigte Kulturorte, die nicht so institutionalisiert sind, können Experimente wagen.

Welche Ideen haben Sie für den Thurgau?

Ich bin Beauftragter der Kulturstiftung, der Stiftungsrat gibt das Konzept vor. Sehr gut vorstellen kann ich mir aber einen Austausch mit dem grenznahen Ausland, zum Beispiel Baden-Württemberg. Auch die zeitgenössische Musik findet im Thurgau kaum statt.

Was reizt Sie an der Arbeit in der Kulturstiftung?

Es reizt mich, Impulse zu geben und für die Kulturschaffenden da zu sein und sie zu unterstützen. Meiner Meinung nach sollte sich die Kulturstiftung mit ihren beschränkten Mitteln auf Nischen konzentrieren, auf Kultur, die nicht massentauglich ist. Bei Grossveranstaltungen fliesst leider viel Geld in Marketing und Events.

Viele Künstler wandern ab in grössere Städte. Wie wollen Sie damit umgehen?

Man kann einen Austausch anregen und Bedingungen schaffen, dass sie vor Ort bleiben. Mir fällt auf, dass es im Thurgau grosse kulturelle Löcher gibt. In Sulgen zum Beispiel läuft nicht viel.

Es gibt für Kulturschaffende viel Förderung. Trotzdem klagen viele. Ist dies Jammern auf hohem Niveau?

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Förderung in der Schweiz gut, aber es passiert kulturell auch viel. Im Grunde genommen ist es aber immer zu wenig Geld. Viele Künstler leben unter der Armutsgrenze. In den Fokus rücken möchte ich in meiner Arbeit deshalb die Altersvorsorge für Künstler.

Gibt es zu viele Künstler?

Für mich gibt es nie zu viele Künstler. Unsere Kunstförderung ist gut, aber es gibt immer noch Dörfer ohne ein Kultur­leben. In Gossau, wo ich aufgewachsen bin, gab es absolut nichts. Mein Hunger nach Kultur hat bewirkt, dass ich irgendwann fortging.

In Zürich führten Sie drei Jahre einen Off-Space. Nun wechseln Sie die Seiten.

Ich bin mir dessen bewusst. Aber gerade weil ich auch die andere Seite und die prekären Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden kenne, habe ich Verständnis dafür. Als Brotjob kochte ich für die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ja, das war mit ein Grund für meine Bewerbung. Politiker haben von Kultur meist keine Ahnung. Kulturpolitik läuft oft auf der Ebene der Ämter ab. Sie haben sehr viel Macht. Das ist die Krux, damit muss ich mich auseinandersetzen. Ich freue mich aber auch darauf.

Nach einer Lehre als Bahnbetriebsdisponent haben Sie die Matura nachgeholt und Kunstgeschichte studiert. Ist Ihre Familie besonders kunstaffin?

Nein, ich habe mir alles selbst erarbeitet. Die Herkunft kann man überwinden. Die Zweitweg-Matura war meine Rettung. Kunst hat mich schon immer interessiert. 2004 konnte ich ein Praktikum in der Kunsthalle St.Gallen machen, dann war es um mich geschehen. Das war ein Wendepunkt. Danach habe ich dort zwei Jahre als Assistenzkurator gearbeitet.

Kunst ist aber nicht die einzige Sparte, die Sie interessiert.

Kunst, Musik, Tanz finde ich spannend. Am wenigsten Zugang habe ich zum Theater, ich habe Mühe mit der Rezeptionsart der Dunkelkammer, wo sich das Bildungsbürgertum trifft.

Ein besonderes Ziel der Kulturstiftung ist die Vermittlungsarbeit.

Es wird meine Kernaufgabe sein. Ein besonderes Augenmerk will ich auf die Zusammenarbeit mit Schulen legen. Schön wäre, wenn wir auch für kleine Institutionen wie die Kunsthalle Arbon, den Kunstraum Kreuzlingen oder das Haus zur Glocke in Steckborn Vermittlungsangebote entwickeln könnten. Ich habe während meiner ganzen Schulkarriere nie Kontakt mit Kunst gehabt. Das geht nicht.

Sie haben einmal gesagt, in der Kunst müsse man auch eine gewisse Ratlosigkeit zulassen. Was meinen Sie damit?

Ratlosigkeit ist eine Form von Neugierde. Auch ich bin der Kunst gegenüber immer wieder ratlos. Vieles ist nicht klar, man muss es sich selbst erarbeiten. Das Schöne ist, dass zu zeitgenössischer Kunst jeder etwas sagen kann und es nie falsch ist.

Christina Genova

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