Im Sog der letzten Werke

Otto Tausk und das St. Galler Sinfonieorchester geben ein eindrückliches Konzert mit Spätwerken der Komponisten Dvorák, Strauss und Brahms.

Charles Uzor
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Letzte Werke umweht landläufig etwas Mysteriöses. In Richard Strauss' vier letzten, sozusagen am Sterbebett komponierten Liedern ist Vergänglichkeit Programm mit Tiefblick, was den zugrunde liegenden Gedichten von Hesse und Eichendorff die naive Romantik nimmt, ihnen dafür aber einen Anstrich von Blut und Bodennostalgie verleiht (was bei Strauss' nationalsozialistischer Vergangenheit wenig überrascht).

Trotzdem, man kann sich dem Sog dieser Musik kaum entziehen. Der Interpretation der erfahrenen Sopranistin Malin Hartelius fehlt allerdings die Nuance. Man vermisst die bejahende Fröhlichkeit, welche sich in ihrer Vitalität von lebensmüder Behäbigkeit unterscheiden würde. Das Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Otto Tausk begleitet solid, nimmt sich aber im überladenen Orchestersatz zu wenig zurück. Nach dem ersten Lied klart Hartelius' Artikulation auf, ihre Stimme fügt sich im tiefen Register besser ins Orchester. Leider wirken im letzten «Abendrot» der Taumel der Tonarten willkürlich und die Dynamik im orchestralen Finale zu pauschal. Hier verpasst das Orchester die letzte Gelegenheit zum Pianissimo.

Umkehr in letzter Minute

Dvoráks «Die Waldtaube» markiert eine Umkehr des Komponisten quasi in letzter Minute. Ursprünglich Anhänger der FormalÄstheten um Brahms, die Bild-/Text-Programme verabscheuten, wechselte er spät ins Lager der «Neudeutschen». Die selten aufgeführte «Waldtaube» aus dem Erben-Zyklus zeigt Dvoráks Gabe, imaginäre Geschichten mit Leben zu füllen. Otto Tausk interpretiert das Minidrama transparent: das kurze, punktierte Ein-Ton-Leitmotiv mit den Paukenschlägen, die delikaten Mixturen von Hörnern und Fagott, der grosse Klangbogen vom tragischen Moll hin zum wonnigen Leuchten mit den volkshaften Tanzelementen. Eindrücklich, wie Tausk die 3/4-Takt-Euphorie sanft zurücknimmt und der duftend-strömenden Leichtigkeit des Mittelteils die Ahnung der Tragödie beimischt.

Brahms dritte Symphonie ist eine Tour de Force in Kontrapunkt – bei Tausk verfliegt sie quasi ohne Anstrengung. Zuerst erschrickt man über das langsame Tempo und die weiche, fast Tai-Chi-hafte Rhythmisierung des Orchestersatzes. Brahms' Raffinessen im Umbau der Taktperioden scheinen geglättet.

In einem Guss

Bald aber wird die Logik dieser Interpretation erkennbar. Tausk entwickelt die vier Sätze in einem Guss, lässt im zweiten die Soli im wunderbaren Spiel aufleuchten und gestaltet danach die Valse-triste-Melodie mit wohltuender Nonchalance. In gleichsam homöopathischer Dramaturgie bekommt der Finalsatz das natürliche Gewicht. Jetzt werden die Synkopen zum Hasch-mich. Hier zeigt sich die Güte des Streicherklangkörpers ganz besonders. Nach dem subtil austarierten Choral wird nun die Rückführung zum Anfangsthema verständlich, seine Artikulation zum Ereignis, das Tempo goldrichtig.

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