Im Schmelztiegel Sitterwerk

Vor einem Monat wurde unter dem Titel «Illuminations» die Biennale in Venedig eröffnet. Eine bemerkenswerte Installation stammt vom Schweizer Künstler Urs Fischer. Hergestellt wurden seine Wachsskulpturen in der Kunstgiesserei von Felix Lehner.

Brigitte Schmid-Gugler
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Seit einigen Wochen «brennen» an der Biennale die «Kerzen-Skulpturen» des Schweizer Künstlers Urs Fischer. Bekannt für seine raumfassenden, mit viel Materialaufwand inszenierten Installationen und als Fortsetzung einer langjährigen Forschungstätigkeit mit dem schmelzenden Material Wachs, hält er auch mit seinem Beitrag für Venedig nicht zurück: Auf den von der Leiterin der diesjährigen Biennale, Bice Curiger, gesetzten Ausstellungstitel «Illuminations» antwortet der Künstler mit drei Objekten aus gegossenem Wachs, welche während der Dauer der Ausstellung wie Kerzen brennen, langsam schmelzen und in diesem Sinne sowohl für das Illuminative, das Erhellende, als auch für das Vergehende, das sich Auflösende stehen.

Neben einer Figur seines Künstlerfreundes Rudolf Stingel und einem Bürostuhl, beide weisen ein Mass von 110 Prozent ihrer Originalgrösse auf – tröpfelt's täglich von der monumentalen Skulptur «Der Raub der Sabinerinnen». Der flämisch-italienische Bildhauer der Florentiner Schule des Manierismus und Frühbarock, Giovanni da Bologna, genannt Giambologna, hatte die Marmorplastik um 1560 geschaffen. Sie steht auf der Piazza della Signoria in Florenz.

Immense Herausforderung

Es war Februar, als Urs Fischer mit seiner Anfrage um die Ausführung dieser Wachsobjekte an die Kunstgiesserei gelangte. Die knapp bemessene Zeit von vier Monaten blieb dem Team im Sitterwerk, um dieses kaum zu bewältigende Mammutprojekt in nützlicher Frist umzusetzen.

Nachdem die Bewilligung der italienischen Behörden eingeholt worden war, konnte das Team um Felix Lehner am Original eine digitale Erfassung mittels eines 3D-Scanners vornehmen. Zurück in St. Gallen, wurden an einem hierfür geschaffenen kleineren Prototyp die Proportionen der abzuformenden und zu giessenden Einzelteile, die möglichen Schnittstellen und die Brenndauer- und -abfolge errechnet. Dabei mussten sowohl Raumtemperatur, die Dicke der Dochte, die Härte von Wachssorten an kleineren Skulpturfragmenten auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Für erste Tests in der Dimension der späteren Sabinerinnen behalf man sich eines im Archiv vorhandenen «Originalstückes» des Broderbrunnens, den das Sitterwerk zur Aufführung von Peter Handkes Stück «Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten» abgegossen und in Originalgrösse nachproduziert hatte.

Mit den Erkenntnissen und vielen offenen Fragen reisten zwei Leute aus dem Team zu Urs Fischer nach New York und besprachen dort mit ihm das weitere Vorgehen. Inzwischen lag, darin hatte das eigentliche Risiko der Kunstgiesserei bestanden, endlich auch das «Go» der Biennale-Kuratorin vor; hätte man mit der unabdingbaren Vorarbeit gewartet, wäre die Zeit bis zur Eröffnung viel zu knapp geworden.

Von Fischers Atelier in New York reisten die Daten in eine Filmkulissenwerkstatt in Hollywood, wo sie mit einer Roboterfräse aus einem Hartschaumblock geschnitten wurden. Die Feinarbeit verrichtete der Künstler von Hand in seinem Atelier. Das fertige Positiv fand den Weg zurück ins Sitterwerk. Hier wurde es in fünf Einzelteile zerlegt, mit Silikon abgeformt und zu einer 3,5 Tonnen schweren und 6,3 Meter hohen Wachsskulptur erneut zusammengesetzt.

Die typische «Marmorisierung» des Originalsteins, es handelt sich dabei um eingelagerte Sedimente, wurde nicht etwa auf die Wachsoberfläche gemalt, sondern Schicht um Schicht mit farbigem Wachs in die Negativform hineingearbeitet.

Direktverbindung

Felix Lehner geht voran durch die weitläufigen Räumlichkeiten des Sitterwerks, vorbei an «magischen» Kisten etwa mit der Aufschrift «ship of fools», Paul McCarthy; an gegen die Hausmauer gelehnten Bronzeproben von Josephsohn.

Treppen rauf und solche wieder runter, durch Gänge und hinein in Abteile, wo in tiefen Regalen und auf Paletten Originalteile der Abgüsse sowie die gefrästen Hartschaumteile der Sabinerinnen gesichtet, gerochen und ertastet werden können sowie nachproduzierte «Rudi»-Figuren und ein weiterer Stuhl zum Abtransport nach Venedig bereit liegen und stehen.

Im Pausenraum der Belegschaft kann via Webcam zudem auf dem grossformatigen Bildschirm verfolgt werden, was zeitgenau im Ausstellungsraum der Fischer-Installation in Venedig geschieht. Gemäss einer ganz präzisen Berechnung, welche einer Dramaturgie folgt, im Halten einer Balance, die ein zu einseitiges oder ein zu schnelles Abbrennen verhindert, werden die Skulpturen «illuminiert».

Morgens um neun Uhr werden sie von einer Wächterin, die während der gesamten Ausstellungsdauer in Venedig weilt, angezündet. Abends um sieben Uhr, wenn die Tore der Biennale geschlossen werden, löscht sie die «Kerzen». Mit jeder Minute, jeder Stunde, mit jedem Tag verändern sich ihre Formen/ihre Gestalt. Nach circa genau einem Monat Brenndauer weist der «Raub der Sabinerinnen», dieses verschränkte und verrenkte Meisterwerk überwundener Schwerkraft – angelehnt an die Geschichte der geraubten Frauen, denen es letztlich gelang, den Krieg zwischen den Römern und den Sabinern zu beenden – deutliche Zeichen einer «Verschmelzung» auf. Neben abgebrochenen Körperteilen, die bis zum Ende der Biennale liegen gelassen werden, «wächst» die «Tränen-Skulptur» als Stalagmiten wieder dem Raum, dem Licht entgegen, als Parabel gleichsam für den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen – Illuminations!

Das Sitterwerk im Arbeitsprozess zu Urs Fischers Skulpturen für die Biennale in Venedig. (Bilder: Katalin Deér)

Das Sitterwerk im Arbeitsprozess zu Urs Fischers Skulpturen für die Biennale in Venedig. (Bilder: Katalin Deér)