Im Reich der Erinnerungsphantasie

Matthias Brandt ist der Sohn des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt. Sein erster Erzählband ist faszinierende Erinnerungskultur.

Valeria Heintges
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Matthias Brandt mit seinem Vater, dem späteren deutschen Bundeskanzler Willy Brandt beim Fussballspiel. Bild: AP (Berlin, 15. April 1964) (Bild: ANONYMOUS (AP))

Matthias Brandt mit seinem Vater, dem späteren deutschen Bundeskanzler Willy Brandt beim Fussballspiel. Bild: AP (Berlin, 15. April 1964) (Bild: ANONYMOUS (AP))

Matthias Brandt schreibt Geschichten aus seiner Kindheit. Das tun viele. Aber Matthias Brandt wird 1961 als Sohn von Rut Brandt und Willy Brandt (1964 bis 1987 Bundesvorsitzender der SPD, 1969 bis 1972 Bundeskanzler) geboren und verbringt seine Kindheit daher bewacht von Leibwächtern und kutschiert von Privatchauffeuren. Heute ist er einer der besten Schauspieler Deutschlands. Da nimmt man seinen Erstling «Raumpatrouille» mit besonderer Spannung in die Hände.

Immer von Leibwächtern und Fotografen beobachtet

Dennoch sollte der Leser keine von Brandts Erzählungen als Grundlage für die Geschichtsbücher nehmen. «Alles, was ich erzähle, ist frei erfunden», schreibt Brandt, «einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.» Mit dem neckischen, aber doch auch etwas kryptischen Motto will sich der Autor vor unangenehmen Fragen bewahren. Viel mehr aber hält den Leser die Tatsache auf Abstand, dass sich Brandt zuweilen unglaubwürdig genau erinnert – wenn etwa die Wohnung eines Freundes minutiös beschrieben wird, ahnt der Leser selbst, dass er das Reich der Phantasie betreten wird. Aber man darf doch vieles glauben. Etwa, dass es besonderen Spass macht, den Uniformierten zu entwischen, die den Vater, die Familie und das Grundstück bewachten. Oder dass das Kind immer wieder für politische Aktionen missbraucht wurde, etwa wenn ein Kirmesbesuch nicht auf die Achterbahn führt, sondern – beäugt von Leibwächern und Fotografenlinsen – nur dazu dient, den Kanzler und seine Familie ins rechte Blitzlicht zu setzen.

Einer von uns, das war dieser Vater nicht einmal für seine Familie. Oft scheint es, als hätte Brandt junior tagelang nichts anderes vom Vater wahrgenommen als die Uniformierten, die Aktentasche und Zigarettenrauch. Zurückhaltend berichtet Matthias Brandt, nennt nie den Vornamen und nie das Wort Bundeskanzler. Der Leser versteht und geniesst. Ohnehin nur selten kommt die Politik in die Welt des Kindes, etwa wenn er Kakao bekommt vom Nachbarn, der Heinrich Lübke heisst, einmal Bundespräsident war und dem die Worte abhanden kommen.

Kinder werden zu Tätern und Opfern

Das Familienleben kommt zu kurz – nicht aber die Einsamkeit. Die Brüder werden nicht erwähnt, dafür diese Traumwelt, in der das Kind Gesellschaft sucht. Wild, beinahe wütend stürzt es sich in neue Hobbies, fängt schnell Feuer (einmal sogar wörtlich), aber das erlischt schnell. Und das Abenteuer endet in der Katastrophe. Genau und bewegend schreibt Brandt, durchweg unterhaltsam. Zuweilen erreichen Geschichten traurige, absurde Höhepunkte, die sie über die anderen hinausragen lassen. Am faszinierendsten in «Kein Laut», das Kinder zu Tätern, Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern macht, bis alle Kriterien verschwimmen. Verstörend. Faszinierend.

Matthias Brandt: Raumpatrouille, Geschichten, Kiepenheuer & Witsch 2016, 172 S., Fr. 26.90