Im Raum der Vergangenheit

In seinem essayistischen Dokumentarfilm «Nostalgia de la luz» verbindet der Chilene Patricio Guzmán meisterhaft den Blick ins Weltall mit dem Blick auf die Geschichte Chiles und eine verdrängte Vergangenheit. Ab morgen im Kinok.

Geri Krebs
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Das grosse Observatorium in der Atacama-Wüste: Einer der Schauplätze im Film «Nostalgia de la luz». (Bild: pd/Trigon Filmverleih)

Das grosse Observatorium in der Atacama-Wüste: Einer der Schauplätze im Film «Nostalgia de la luz». (Bild: pd/Trigon Filmverleih)

Im neuesten Werk des chilenischen Dokumentarfilmregisseurs Patricio Guzmán «Sehnsucht nach Licht», so die deutsche Übersetzung von «Nostalgia de la luz», spielen die Geschehnisse aus Chiles jüngster Vergangenheit eine wichtige Rolle. In erster Linie ist dieser eigenwillige, meisterliche Filmessay jedoch eine Reflexion über die Distanz zwischen Himmel und Erde. Und jene zwischen dem Licht und den Menschen – und dem mysteriösen Hin und Her, das auf diesem Weg entsteht.

Im Himmel und auf dem Boden

Angesiedelt in der Atacama-Wüste im Norden Chiles, dokumentiert Guzmán die Arbeit der Astronomen. Mit Bildern von spektakulärer Schönheit vermittelt «Nostalgia de la luz» einen Eindruck von der Winzigkeit unseres Planeten und lässt Menschen zu Wort kommen, welche die Schäbigkeit anderer Menschen erfahren mussten. Guzmán blickt nämlich nicht nur in den Sternenhimmel, sondern auch auf den Wüstenboden. Hier graben Archäologen nach präkolumbianischen Mumien. Und Frauen suchen noch immer nach sterblichen Überresten ihrer von Pinochets Schergen ermordeten Angehörigen – in einem Land, das seine Vergangenheit ausgelöscht hat, wie Guzmán an einer Stelle des Films bemerkt.

Wüste und die Vergangenheit

Er kenne die Atacama-Wüste seit 1972, sagte Patricio Guzmán kürzlich in einem Interview; er sei seit damals von jenem immensen Raum fasziniert gewesen. Auch die Geschichte der Nitrat- und Salpeter-Minen, die hier bis in die 1970er-Jahre funktionierten und dann verlassen wurden, war dem Filmemacher, der seit Jahrzehnten in Paris im Exil lebt, vertraut gewesen. Er wusste auch von den KZ, die Pinochet in den ersten Jahren nach dem Putsch in den ehemaligen Unterkünften der Minenarbeiter errichtet hatte.

Das sei die eine Seite der Atacama-Wüste; die andere ist jene der Observatorien und Teleskope. Guzmán, der seit seiner Jugend die Astronomie liebt, wie er zu Beginn des Films erzählt, erklärt dann, dass nirgends auf der Welt so leistungsfähige Teleskope stehen wie auf diesen Berggipfeln. Auf über 3000 Metern Höhe, in einer menschenleeren Welt, die durch keinerlei künstliche Lichtquellen kontaminiert ist , blicken Forscher so weit ins Universum hinein wie nirgendwo sonst, und suchen nach dem Ursprung des Alls. So wird die Wüste zu einem riesigen Raum der Vergangenheit. Die Archäologen, die Geologen, die Historiker und die Astronomen, sie alle sind hier mit der Beobachtung der Vergangenheit beschäftigt. Ebenso wie die Frauen, die immer noch graben und die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch Überreste ihrer Angehörigen zu finden.

Fünf Jahre lang hat Patricio Guzmán an der Umsetzung dieser Idee gearbeitet; trotz seiner Bekanntheit hat er kaum die finanziellen Mittel für sein ambitioniertes Projekt gefunden.

Erdverbunden und bewegend

Seine Geldgeber von den europäischen TV-Anstalten fragten ihn, ob er jetzt aufs Alter esoterisch geworden sei; sie wollten nicht verstehen, was seine Absichten waren. Dabei ist «Nostalgia de la luz», den Guzmán dann zu einem grossen Teil selber finanziert hatte, ein durchaus erdverbundener Film geworden. Einer, der Herz und Hirn gleichermassen anspricht, wie schon lange kein Kinofilm mehr.

Wenn am Ende eine Frau erklärt, dass die Sterne ihr schliesslich den Trost gaben dafür, dass sie ihre Eltern – die von den Schergen der Diktatur ermordet wurden – nie kannte, dann mag das banal tönen, wenn man das so liest. Wer aber die Bilder dieses wunderbaren Filmessays gesehen hat, findet einen derartigen Gedanken nur naheliegend, zwingend und frei von jeglicher Sentimentalität. Dass Patricio Guzmán den Europäischen Dokumentarfilmpreis erhielt, ist so doch noch eine späte Genugtuung für einen grossen Cineasten.

Kinok in der Lokremise, morgen Do 18.15 Uhr sowie Sa 16., 17.00; Mo 18., 18.15; Do 21., 18.15; So 24., 13.00; Mo 25., 16.00; Mi 27., 18.15; Sa 30., 17.00 Uhr