Im Neutralen verhungert Leben

Hansruedi Kugler
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Kurzgeschichten Mit seiner Erzählung «Ein Satz über einen, der auf einer Telefonzelle steht» hat Ralf Bruggmann vergangenes Jahr den Schreibwettbewerb des Kulturamts Appenzell Ausserrhoden gewonnen. Jury und Publikum waren sich einig: Dem 39-jährigen Werbetexter aus Speicher gelang mit seinem assoziativen Text eine atemlose Groteske, die mit einer vielschichtigen Fabulierlust aus einer vordergründig absurden Situation ein andeutungsreiches, stimmungsintensives Porträt erschafft.

Da stand einer auf einer Telefonzelle und macht sich Gedanken über O-Beine, das Leben im Ganzen, den Körper, psychische Störungen, den Sonnenuntergang und vieles mehr. Ein denkender Luftikus, ein Träumer, dem man gerne zuhört. Mit beruflichem Vollpensum und junger Familie findet das literarische Schreiben bei Ralf Bruggmann allerdings nur zu Randzeiten statt. Nun hat er dennoch seine erste eigenständige Publikation herausgebracht.

Wie wäre es, den Kopf gegen den Spiegel zu schlagen

In «Hornhaut» skizziert Bruggmann in 29 Kurztexten vor allem weibliche Empfindungswelten: vielschichtig, einfühlsam und mit viel Talent für Andeutungen und Stimmungen. Das Lebensgefühl der Leere kontrastiert er bildhaft mit Drastik. Da steht gleich nach «es geht ihr neutral. Es lässt das Leben verhungern» die Fantasie, «wie es wäre, ihren Kopf gegen den Spiegel zu schlagen». Mit Scherben, Blut, zerrissener Haut. Sprachlosigkeit, sexuelle Gewalt, Einsamkeit – Ralf Bruggmann variiert diese Themen mal dialogisch, mal bildhaft. Viel innerer Monolog ist da zu lesen, der gelegentlich unter die Haut geht. Dass Bruggmann Bilder wie den Abwasserkanal für die Ausweglosigkeit der menschlichen Existenz sucht, wirkt etwas forciert. Stark sind die Texte, wo sie bei der Andeutung, beim Atmosphärischen bleiben, wo sie Antworten und Auflösungen meiden.

Da verschwindet den Figuren die Gewissheit und das Selbstvertrauen allmählich im «ich denke, ich glaube, vermutlich». Die Protagonisten bleiben beim Sex gefühllos, wollen alten Frauen einen Brotkasten an den Kopf werfen und stellen sich hundert Fragen, wie man mit einer vergewaltigten Frau spricht.

Hansruedi Kugler