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Im Neubad befruchten einander Musik und Film

Wasserwirbel, ein Haifisch mit Plastikkopf und ein intimes Schlafzimmer: Studierende der Hochschule Luzern zeigten die Resultate des Kooperationsprojekts «Open Vid». Videos, Musik und Performance wurden zur multimedialen Erkundungstour.
Katharina Thalmann
Im Neubad Luzern liessen die Studierenden die klaren Grenzen von Tönen und Bildern verschwinden. (Bild: Roger Grütter, 29. Juni 2019)

Im Neubad Luzern liessen die Studierenden die klaren Grenzen von Tönen und Bildern verschwinden. (Bild: Roger Grütter, 29. Juni 2019)

Heiss und voll ist das Neubad am Samstagabend. Die Party des Neustadtstrassenfests nimmt Fahrt auf, die Zapfhähne laufen auf Hochtouren. Oben im Pool ist es zwar nicht kühler, aber ruhiger: Das Licht ist gedämpft, in und um das Bassin stehen Beamer und Kameras, Notenpulte und Instrumente.

Es ist der dritte von vier Tagen der «New Music Days» der Hochschule Luzern – Musik. Seit 2015 kooperieren die Departemente Musik und Design und Kunst jährlich im Rahmen von «Open Vid». In diesem dreimonatigen Modul formieren sich Studierende aus Kunst und Musik zu interdisziplinären Gruppen. Es geht um «VJing». Während beim DJ das D für «Disc» steht, bedeutet das V von VJ für «Visual». Genau wie DJ Musik auswählt und manipuliert, tun das VJs mit Videos. So entstanden für «Open Vid» sechs Kunstprojekte, bei denen Musik, Sounds und Videos gemeinsam entwickelt wurden.

Pure Poesie im weissen Würfel

Eröffnet wird der Abend mit dem Werk «Drei». Das Publikum steht auf der Balustrade um den Pool, an der tiefsten Stelle ist eine Leinwand auf den Boden aufgezogen. Das gekippte Kino erforscht in drei Teilen das Verhältnis von Bild, Livemusik und Laptopmusik. Im ersten Drittel begleitet ein Quartett schwarz-weisse Videos von Alpen, Wäldern und Wüsten. Dann übernimmt der Laptop: Das gleiche musikalische Material wird elektronisch verfremdet – mit Folge für die Bilder. Sie werden farbig und geometrisch. Im dritten Teil finden die analoge und die digitale Welt zusammen. Das mag etwas didaktisch wirken. Versteht man «Drei» indes als Einstimmung auf das «Open Vid»-Konzept, macht es dramaturgisch Sinn.

Vor und nach dem Konzert ist die Installation «Nähe» in einem kleinen Nebenraum zu besuchen: In einem Hippieschlafzimmer legt man sich aufs Bett, an die Decke wird ein Video projiziert, das sich mit Nähe – ob körperlich oder emotional – auseinandersetzt. Das intime Setting erweist sich hierfür als perfekt. Für das zweite Stück, «In memorial of me», setzt man sich im flacheren Teil des Pools auf den Boden. Dort steht ein grosser weisser Würfel, auf dessen Vorderseite Wasserbilder projiziert werden. Die Arbeit ist pure Poesie. Die Performerin Léonie Pantillon bewegt sich als Schattenspiel im Kubus; eine Ophelia, die nach Auswegen sucht. Dazu ätherische, perfekt mit den Bildern getimte Musik – und die Hitze ist vergessen.

Dann installiert Maris Egli sein Drum am Boden des Pools. An der Wand hängen drei Leinwände. Kraftvoll improvisiert er zu Unterwasseraufnahmen, in die sich wie schmerzhafte Blitze Bilder von überfüllten Flüchtlingsbooten und orangen Schwimmwesten mischen. «The colours of the sea» sorgt mit der traurigen Berühmtheit dieser Bilder für gesellschaftspolitische Relevanz.

Zurück in die Welt der Poesie führt «Tulips as we all are». Die Leinwand auf dem Poolboden wird zum Tanzteppich für Célina von Moos – eine tanzende Textildesignerin. Ihr kindlich-rührendes Spiel mit Glasmurmeln findet sich in den Visuals wieder. Die Geigerin Martha-Maria Mitu begleitet den Tanz auf dem Sprungbrett mit elektronischen Sounds und Zigeunerweisen. Die Murmeln werden zur Metapher für menschliche Kontakte. Rollen wir aneinander vorbei? Prallen wir zusammen? Erst im Epilog werfen sich Tänzerin und Musikerin einen Blick zu – und echte Zwischenmenschlichkeit kommt auf.

Plastikmüll als Tubadämpfer

«C15H16O2», das Abschlussstück, sprüht vor Humor, Spielfreude und Konsumkritik. Der Titel ist die chemische Formel für Bisphenol A: Plastik. Aus Lautsprechern dringt Plastikgeknabber, über die Poolwand schwimmt grellfarbiges Meeresgetier, die Videoästhetik erinnert an alte Bildschirmschoner. Ein Trio begleitet das bunte Treiben – bis sich der Plastik einmischt.

Nicht nur den Tierchen im Video wird das Leben durch die Umweltkatastrophe erschwert: Die Tubistin nimmt ein Plastikkörbchen als Dämpfer, die Flötistin spielt durch eine Plastikfolie, und die Cellistin klemmt eine Plastiktüte unter die Saiten. Aus der Unterwasseridylle wird ein Unterwasserhorrorfilm, eine Meeresnixe gebiert Monster und Mikroben im Akkord. Doch die Nixe ist kein weibliches Individuum, sie ist die Mutter Erde, die unter unserem Umgang mit ihr sehr zu leiden hat. So schwadern Haifische mit Plastikköpfen und Schildkröten mit Plastikpanzern über die Leinwand.

«Open Vid» zeigte exemplarisch, was die Studierenden in Kunst und Musik voneinander lernen können und sollen: Alle überschreiten sie die Grenzen ihres Genres. Die Kunst zeigte der Musik das prozess- und konzeptorientierte Arbeiten. Und umgekehrt bringen die Musikstudierenden die Determiniertheit auf den Moment des Konzerts mit. Jede Arbeit gelangte so zu einer überzeugenden Klarheit. Die Grenzen zwischen Ausstellung, Performance und Konzert verwischten – und das war gut so.

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