IM MEMORIAM: Ende einer seltsamen Karriere

Überraschend und ausgerechnet am Weihnachtsfeiertag ist George Michael, der Sänger von «Last Christmas», mit 53 Jahren gestorben. Der britische Star trug in seinem Leben viele Kämpfe aus.

Stefan Künzli
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George Michael war ein grosser Sänger und ein sozial engagierter Künstler. Hier bei einer Aids-Gala in Paris. (Bild: François Mori/AP)

George Michael war ein grosser Sänger und ein sozial engagierter Künstler. Hier bei einer Aids-Gala in Paris. (Bild: François Mori/AP)

Stefan Künzli

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@tagblatt.ch

George Michael wurde schon früh von Todesahnungen geplagt: «Ich habe das Gefühl, ich werde nicht sehr lange leben. Es ist nicht bloss die Angst vor dem Alter oder ein geheimer Todeswunsch, es ist ein bestimmtes Gefühl», sagte der britische Sänger Anfang der 1990er-Jahre der «Sunday Times». Dass der Komponist von «Last Christmas», einem der erfolgreichsten Weihnachtssongs der letzten 30 Jahre, ausgerechnet an Weihnachten sterben sollte, dürfte die Spekulationen um die genauen Umstände seines Todes anfeuern.

Eine Ikone der 1980er-Jahre

Der 1963 geborene George Michael war ein Kind der 80er-Jahre. Eine Stilikone eines Jahrzehnts, in dem der Optimismus überwog. Wirtschaftliche Zuversicht, ideologisches Tauwetter (Perestroika) machten die pessimistischen 70er-Jahre vergessen. Die Pop- und Rockmusik, die sich bisher als Gegenkultur und Stachel des Establishments verstand, definierte sich jetzt durch den Erfolg und Kommerz. George Michael, dieser ewig gut gelaunte, braun gebrannt strahlende Jüngling mit Föhnfrisur repräsentierte den Lebensstil der 80er-Jahre wie kein anderer und wurde zur Ikone der Yuppie-Jugend: jung, gut aussehend, konsumorientiert, erfolgreich. Hedonismus, materieller Wohlstand und Markenwahn regierten, Yuppies lösten die Hippies ab, Kokain ersetzte Marihuana als Modedroge.

George Michaels Hits, zuerst im Duo Wham! («Wake Me Up Before You Go-Go», «Freedom» und Co.), danach auch als Solokünstler («Careless Whispers», «I Want Your Sex» und «Faith») wurden zum Soundtrack jener Zeit. Don’t ask! Party forever!

Das konnte ja nicht gut gehen. Alles Fassade! Ab den frühen Neunzigerjahren zeichneten sich erste Risse ab. Es zeigte sich, dass er seinen Superstar-Ruhm nur schwer verkraften konnte. «Praying for Time» (1990) wurde zu einer Hymne eines Superstars, der sich in seiner Haut zunehmend unwohl fühlte. Drogenexzesse, Depressionen, ein langjähriger Rechtsstreit mit seinem Label Sony, Klatsch und Gerüchte um seine sexuelle Orientierung, Schicksalsschläge und Skandale. Sein Leben und seine Karriere waren ein ewiges Auf und Ab. Der einstige Glamour-Boy wurde zum Bad Guy.

George Michael hat immer polarisiert. War der Buhmann der Rock-Gemeinde, ein Teil der Musikkritik beklagte mangelnden Tiefgang und sprach ihm vor allem in den Anfängen jegliche musikalische Relevanz ab.

Motown-Soul mit Extraportion Gesülze

Andere kritisierten, dass der britische Sänger kein Klischee des schwarzen Soul und Funk auslassen und nur imitieren würde. Sie warfen ihm schamlosen Eklektizismus und übertriebene Gefühlsduselei vor. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nur die halbe Wahrheit. George Michael fühlte sich dem afroamerikanischen Soul verbunden und bildete so etwas wie die Fortsetzung des Motown-Sound. Noch schmachtender, noch geschmeidiger, noch glatter, noch näher am weissen Mainstream. Motown-Soul mit einer Extraportion Gesülze.

Doch seine Version des Edel-Soul erreichte die Black Community. Soul-Queen Aretha Franklin erwies ihm im Duett «I Know You Were Waiting (For Me)» ihre Reverenz; sein erstes Soloalbum «Faith» (1987) war das erste eines weissen Künstlers, das Platz eins der Black-Music-Albumcharts schaffte. Bei aller Kritik ging lange vergessen, dass Michael ein fantastischer Sänger mit eleganter Stimme und einem einzigartig schönen Timbre war. Dazu schrieb er eine Reihe von Songs für die Ewigkeit. «Ich muss mich noch weltweit etablieren. Das ist mein unaufhaltbarer Ehrgeiz. Ich muss das schaffen, ich will in die Geschichte eingehen», sagte er nach der Auflösung von Wham! Doch für diese Anerkennung musste der Perfektionist lange und hart kämpfen.

Kaum hatte er es geschafft, kam der nächste Tiefschlag. Nach dem Ereignis in einer öffentlichen Toilette von Beverly Hills wurde er verhaftet, geoutet und zum Gespött der Weltöffentlichkeit. Es war ein neuerlicher Wendepunkt in einer sowieso schon seltsamen Popkarriere. Aber auch ein Karriereknick, von dem er sich nie mehr ganz erholen sollte. 2004 veröffentlichte George Michael mit «Patience» sein letztes Studioalbum, machte sich danach rar und beschränkte sich auf gelegentliche Gastauftritte. Doch regelmässig um Weihnachten taucht er immer in den Hitparaden dieser Welt auf. «Last Christmas» hat George Michael unsterblich gemacht.

George Michaels Durchbruch Anfang der 80er-Jahre mit Wham! Rechts der damalige Bandkollege Andrew Righeley. (Bild: Peter Still/Redferns)

George Michaels Durchbruch Anfang der 80er-Jahre mit Wham! Rechts der damalige Bandkollege Andrew Righeley. (Bild: Peter Still/Redferns)