Im Kunstmuseum St.Gallen zeigt die Ägypterin Iman Issa Teppiche aus Holz und Säulen aus Kupfer

Die in Berlin lebende Künstlerin verwandelt Objekte aus historischen Museen in zeitgenössische Skulpturen.

Christina Genova
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Iman Issa im Kunstmuseum St.Gallen. Die 40-jährige Ägypterin hat hier ihre erste Austellung in einem Schweizer Museum.

Iman Issa im Kunstmuseum St.Gallen. Die 40-jährige Ägypterin hat hier ihre erste Austellung in einem Schweizer Museum.

(Bild: Urs Bucher)

Das zwei Meter lange Kupfer­objekt schimmert verführerisch, sieht aber auch etwas gefährlich aus: Auf einer Seite läuft es spitz zu und erinnert an das Projektil einer Waffe. Es stammt aus der Serie «Heritage Studies» der ägyptischen Künstlerin Iman Issa. Die 40-Jährige stellt im Kunstmuseum St.Gallen aus, es ist ihre erste Soloschau in einem Schweizer Museum.

2011 hat Issa begonnen, in archäologischen und kulturhistorischen Museen aus aller Welt Artefakte zu fotografieren: vom Skarabäus über eine Sonnenuhr bis zu einer Minipyramide. Daraus entstanden erst Skizzen, später minimalistische Objekte, welche die Ausstellungsstücke neu und sehr frei interpretieren. Material und Grösse unterscheiden sich grundlegend vom Original. 36 Objekte umfasst die Serie bisher, 23 davon sind in St.Gallen zu sehen. Kupfer, Aluminium, Holz, Bronze, Messing und Stahl kommen zum Einsatz.

Im Oberlichtsaal des Kunstmuseums sind acht Skulpturen aus der Serie Heritage Studies vereint.

Im Oberlichtsaal des Kunstmuseums sind acht Skulpturen aus der Serie Heritage Studies vereint.

(Bild: Urs Bucher)

Instrumentalisiert und interpretiert

Dass sie sich auf die Vergangenheit beziehen, sieht man diesen zeitgenössischen Objekten nicht an, die durch ihre Form und Materialität sehr anziehend wirken und untereinander einen Dialog entfalten. Die Geschichte kommt erst durch die dazugehörigen Wandbeschriftungen ins Spiel. Sie enthalten nur wenige, ausgewählte Informationen zum ursprünglichen Artefakt.

Dies ist ein raffinierter Kniff der Künstlerin, um darauf hinzuweisen, dass Geschichte immer Interpretationssache ist, instrumentalisiert werden kann, abhängig ist von der jeweiligen Zeit und vom Kontext. Die Ausstellungstücke könnten auch ganz andere Geschichten erzählen als jene, die in den Museen auf den Schildern geschrieben stehen. Iman Issa sagt denn auch über ihre Skulpturen: «Es sind Studien, die nicht eindeutig sind und sich auch verändern können.» Auch «Surrogates», der Titel der Schau, lässt sich dahingehend deuten: Ein Surrogat ist ein unzureichender Ersatz.

Das eingangs beschriebene Kupferobjekt bezieht sich, so liest man, auf eine zehn Meter hohe Säule aus Kalkstein von 839 vor Christus, die Teil eines Säulengangs in der Hauptstadt Samarra war. Als Betrachter ­versucht man anhand dieser spärlichen Hinweise einerseits den Übersetzungsvorgang der Künstlerin nachzuvollziehen, andererseits das Objekt historisch zu verorten und zu verstehen, weshalb ihre Wahl darauf gefallen ist.

Iman Issa entwickelt aus Artefakten verführerische zeitgenössische Skulpturen.

Iman Issa entwickelt aus Artefakten verführerische zeitgenössische Skulpturen.

(Bild: Urs Bucher)

Das ist anstrengend und gelingt wie in diesem Fall manchmal nur mit viel Fantasie oder gar nicht. Einfacher ist es bei der stachelförmigen Skulptur. Sie bezieht sich auf eine vor 1100 Jahren entstandene Sternenkarte aus Bagdad. Humor beweist die Künstlerin, wenn sie einen persischen Teppich aus dem 18. Jahrhundert aufgerollt als zwei Meter lange Skulptur aus schwarz bemaltem Holz umsetzt.

Iman Issas «Heritage Studies»-Serie zeigt aber auch auf, dass es zu allen Zeiten vor allem die mächtigen Männer dieser Welt waren, die sich mit repräsentativen Bauten und monumentalen Statuen für die Nachwelt verewigten: Nur eine der Skulpturen bezieht sich auf eine Frau, die Statue einer Wassergöttin aus dem Königspalast in Mari.

Iman Issa, Kunstmuseum St.Gallen, bis 26.4.

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