Im Kunstmuseum St.Gallen entwickeln Regenschirme ein Eigenleben

In der Ausstellung «Metamorphosis Overdrive» verwandeln sich Walfische zu Staubsaugern und Rücklichter zu glühenden Augen. Insgesamt ist die Schau jedoch thematisch zu wenig scharf umrissen.

Christina Genova
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Die Arbeit Things and the Thoughts that Make Them» von Simon Dybbroe Møller besteht aus in Plexiglasvitrinen eingeschlossenen Alltagsgegenständen. Im Hintergrund ist die von einem Plastiksack und Magnetbändern umwehte Skulptur Hermann Hallers zu sehen.

Die Arbeit Things and the Thoughts that Make Them» von Simon Dybbroe Møller besteht aus in Plexiglasvitrinen eingeschlossenen Alltagsgegenständen. Im Hintergrund ist die von einem Plastiksack und Magnetbändern umwehte Skulptur Hermann Hallers zu sehen.

(Bild: Urs Bucher)

Die rot glühenden Augen scheinen uns forschend zu fixieren. Doch sind es nur die simplen Rücklichter eines Autos. Und die Blüte an der Wand, die an ein Edelweiss erinnert, ist nichts anderes als eine aus Sperrholz nachgebildete Autofelge. Die beiden Arbeiten des norwegischen Künstlers Yngve Holen zeigen auf, dass die Grenzen zwischen Tier, Mensch, Pflanze und Maschine nicht klar zu ziehen sind und künftig wohl immer mehr verschwimmen.

Yngve Holens Rücklichter scheinen einen aus rotglühenden Augen anzustarren.

Yngve Holens Rücklichter scheinen einen aus rotglühenden Augen anzustarren.

(Bild: Sebastian Stadler)
Die Autofelge aus Sperrholz on Yngve Holen gleicht einem Edelweiss.

Die Autofelge aus Sperrholz on Yngve Holen gleicht einem Edelweiss.

(Bild: Urs Bucher)

Um ganz unterschiedliche Verwandlungen, um den raschen Wandel der Dinge aber auch um zukünftige Transformationen geht es in «Metamorphosis Overdrive», der von Lorenzo Benedetti kuratierten thematischen Gruppenausstellung im Kunstmuseum St.Gallen. Die komplexe Schau lässt sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Eine präzisere und engere Eingrenzung des Themas hätte ihr gutgetan. Neben Yngve Holen sind in der Ausstellung sieben weitere internationale Kunstschaffende vertreten.

Dem Wind der Zeit ausgesetzt

Der erst 35-jährige französische Künstler Camille Blatrix, dessen Werke noch bis am 15. März in einer Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel zu sehen sind, stellt in aufwendiger Handarbeit ebenso originelle wie irritierende Objekte her. Auf den ersten Blick haben sie eine Funktion, aber bei genauerer Betrachtung bleibt ihr Nutzen im Dunkeln. «Wher» ist ein umgebauter Staubsaugerroboter, der sowohl futuristische als auch zoomorphe Züge trägt.

Camille Blatrix richtet «Wher» neu aus. Sein Objekt ist eine Kreuzung zwischen Staubsauerroboter und Walfisch.

Camille Blatrix richtet «Wher» neu aus. Sein Objekt ist eine Kreuzung zwischen Staubsauerroboter und Walfisch.

Urs Bucher

Inspiriert zu diesem Objekt wurde Blatrix durch das beinahe anrührende Unvermögen des Roboters, gewisse Hindernisse zu überwinden. Es erinnerte Blatrix an die Hilflosigkeit eines gestrandeten Walfischs, der ebenso wie der Roboter nicht fähig ist, sich alleine aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Mit einer anderen Art von Verwandlung hat sich Simon Dybbroe Møller in der Arbeit «Things and the Thoughts that Make Them» auseinandergesetzt. Der Däne hat Alltagsobjekte wie einen Regenschirm, eine Leiter oder einen Wäscheständer in massgefertigte Plexiglasvitrinen gestellt. Derart eingeschlossen und in einen musealen Kontext verfrachtet sind sie ihres praktischen Nutzens beraubt und werden zu Ausstellungsstücken überhöht. «Ich gestehe den Dingen ein Eigenleben zu», sagte Møller an der Medienkonferenz.

Die chinesische Künstlerin Guan Xiao entwirft eine Science-Fiktion-Landschaft.

Die chinesische Künstlerin Guan Xiao entwirft eine Science-Fiktion-Landschaft.

(Bild: Urs Bucher)

Er hat auch eine Figur Hermann Hallers (1880–1950) aus der Sammlung des Museums dem Wind der Zeit ausgesetzt, sprich einem Ventilator. Die Skulptur wird umflattert von zwei überkommenen Dingen: einem Super-VHS-Magnetband, das für eine veraltete Technologie steht, und einem Plastiksack, der aus ökologischen Gründen nicht mehr erwünscht ist. Zwei unterschiedliche Science-Fiction-Welten werden in der Videoarbeit von Rä di Martino und der Installation von Guan Xiao entworfen. Sie gehören zu mehreren durchaus interessanten Werken, bei welchen der Bezug zum Ausstellungsthema leider kaum nachvollziehbar ist.

Kunst aus dem Lager des Supermarkts

Nüchtern und technoid: Die minimalistische Installation der Rapperswiler Künstlerin Ilona Ruegg besteht aus Elementen, die sie im Lager eines Supermarkts gefunden hat.

Nüchtern und technoid: Die minimalistische Installation der Rapperswiler Künstlerin Ilona Ruegg besteht aus Elementen, die sie im Lager eines Supermarkts gefunden hat.

(Bild: Sebastian Stadler)

Ilona Ruegg ist die einzige Ostschweizerin, die in der Schau vertreten ist. Sie gesteht den Dingen ein zweites Leben zu und hat sich im Lager eines tschechischen Supermarkts bedient. Unter anderem aus Kassenlaufbändern und Lifttüren hat sie die minimalistische Installation «Equation of Loss» gebaut. Als «Leerstelle, wo etwas entstehen kann», bezeichnet sie die Künstlerin.

Bis 6.9., Kunstmuseum St.Gallen.

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Roger Berhalter, Christina Genova, Bettina Kugler, Julia Nehmiz