Kult-Moderation
Im Karatestudio von Gunten: «Es interessiert uns einen Dreck, was du denkst.»

Ihn hört die Schweiz am Sonntagmorgen. Kult-Moderator Reeto von Gunten surft zwischen Mainstream und Untergrund wie kein Zweiter. Ab heute geht er auf Tour. Mit einer Dia-Show.

Benno Tuchschmid
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Der Peach Weber für Hippsters: Reeto von Gunten.ho

Der Peach Weber für Hippsters: Reeto von Gunten.ho

«Es interessiert uns einen Dreck, was du denkst.»

Der Satz sass, wie eine klatschende Ohrfeige. Reeto von Gunten («RvG») war nach New York gekommen, um es allen zu zeigen. Lee-Strassberg-Schauspielschule. Mit dem Oscar werde er heimkehren, hatte er seiner Mutter angekündigt. Nun sass er in einer Probe, wollte seinem Lehrer erzählen, was er vom Gesehenen hielt, und den interessierte es «einen Scheissdreck».

Das ist 27 Jahre her. Heute organisiert von Gunten Dia-Abende. Und die interessierten bei der letzten Tour rund 20 000 Menschen. Im Berner Bierhübeli feiert er mit seinem Programm «iSee three» heute Abend Premiere.

Aber der Reihe nach.

Von Gunten webt zwar «literally» bei jedem vierten Satz ein englisches «Word» ein, weil «it puts things in perspective», doch in New York merkte er relativ schnell, «dass mich 16-jährige Buben in einem Fach an die Wand klatschen, von dem ich dachte, ich sei etwas Besonderes darin».

Heute hat von Gunten sein Fach gefunden. Und etwas Besonderes ist er darin auch. Allerdings gibt es für sein Fach keinen Oscar. Es gibt nicht einmal einen Namen dafür. Klar, von Gunten macht auch Radio. Er ist die Sonntagmorgen-Simme von SRF 3. Seit 2003 streicht von Gunten der Nation Honig aufs Butterbrot. Mit sanfter Stimme und schneidendem Inhalt. Reeto von Gunten glaubt, dass seine Sende-Platzierung damit zu tun habe, dass man ihn nur mit Zopf und Kafi ertrage. Von-Gunten-Förderer und Radio-Legende François FM Mürner, der ihn dort platzierte, sagt: «RvG ist ein unglaublich guter Geschichtenerzähler und passt mit seiner warmen Ausstrahlung perfekt in den Sonntagmorgen.» Es stimmt wahrscheinlich beides.

Zu von-Guntig fürs Fernsehen

Aber eben, Reeto von Gunten ist mehr als Radio-Moderator. Und zwar nicht, weil er wie die Radio-Stars Nik Hartmann und Sven Epiney auch noch den TV-Moderator gibt – beim Fernsehen waren seine Ideen immer eine Spur zu von-Guntig – sondern weil RvG sich in einem Gebiet bewegt, das in der Schweiz den meisten zu gefährlich ist. Von Gunten klettert auf den Verwerfungen zwischen den tektonischen Platten des Mainstreams und des Untergrunds. Seine, mit schmeichelnder Stimme und bitterem Sarkasmus durchzogene, Presseschau am Sonntagmorgen, ist so subversiv wie nur möglich und so volkstümlich wie nötig. Seine Geschichten können auch Verschlafene nachvollziehen. «Ich mag es nicht, wenn es zu komplex wird», sagt von Gunten. Für FM Mürner ist er auf der Bühne der «Peach Weber für Intellektuelle». Peach Weber polarisiert. Von Gunten mindestens so sehr. «Ich hasse sein Besserwissertum», sagt ein Bürokollege. RvG eckt an. Die anderen spülen weich.

Damit steht von Gunten in einer kleinen, aber feinen Tradition beim Schweizer Radio. François FM Mürner war der Erste, der am Radio Masse mit Nische mischte und eine gehörige Prise Nonkonformität beifügte. RvG führte dieses Erbe in eigenständiger Art und Weise ins neue Jahrtausend. Von Gunten arbeitet daran, dass sich die Tradition fortsetzt. Gemeinsam mit seiner Partnerin hat er Atelieer gegründet eine Art Künstlerkollektiv, in dem von Gunten einige der talentiertesten Jung-Kreativen der Schweiz vereint. Unter ihnen Lorenz Häberli alias Lo von den Chart-Stürmern Lo&Leduc; Manuel Liniger alias Rapper Manillio, die Moderatorin Gülsha Adilji. Alles Mittdreissiger, die ebenfalls zwischen Mainstream und Subkultur surfen. Und sie alle seien gute Geschichtenerzähler, sagt von Gunten. «Wir wollen die Geschichten nicht den anderen überlassen.»

Wer sind die anderen?

«Die, die lügen.»

Ist das politisch zu verstehen?

Auch, sagt Anna Engler, Reeto von Guntens Partnerin. Nicht nur, sagt von Gunten. «Es geht uns um Haltung. Um Ethik. Um Moral.» Atelieer funktioniere wie ein Karatestudio, in dem die Mitglieder an der Technik ihrer Kampfkunst feilen. Und der Bärtige von Gunten ist quasi der Meister des Dojo.

«Meinen die das ironisch?»

Aber am Samstag geht es erst einmal um Dias. Das Prinzip der Von-Gunten-Diashows ist einfach. Ein Projektor, ein Tisch und er. FM Mürner nennt es «Sit Down Comedy». Für von Gunten ist der Dia-Abend die perfekte Plattform. «Weil ich nicht gerne schreibe, erzähle ich Geschichten auf alle anderen möglichen Arten.» Fotografisch, durch bildende Kunst oder durch seine Stimme wie am Radio. Pro Geschichte hat von Gunten ein Set Dias. Sie tragen Titel wie AARGH («Dort geht es um Dinge, über die ich mich aufrege») oder Penis oder Privat-Polas («ich lasse am Anfang immer zuerst die Hosen runter, das schafft Vertrauen»).

Es läuft gut für einen, dessen Geschichten vor 27 Jahren einen Scheiss interessierten. Die Rolle des Lee-Strassberg-Lehrers hat mittlerweile seine Tochter übernommen. Einfach liebevoller. Die damals Achtjährige fragte ihren Vater am morgen nach einem Auftritt: «Papi, wie viele Leute waren da?»

500.

«Zahlen die Eintritt?»

Ja

«Wie viel?»

30 Franken.

«Meinen die das ironisch?»

iSee-three-Premiere heute Samstag. Beginn 19.45 Uhr. Weitere Tour-Daten: http://atelieer.ch/kultur/ic3