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«Ich weiss nicht, wie man das macht, über Familie sprechen»

In ihrem Debüt «Ich kann dich hören» schlägt Katharina Mevissen unerwartete Töne an und findet Worte fürs sprachlich scheinbar nicht Fassbare.
Valeria Heintges

«Ich kann dich hören», hat Katharina Mevissen ihren Erstling genannt. Doch nicht alle ihre Romanfiguren können hören, und bei fast allen hapert es mit der Fähigkeit, richtig zu kommunizieren. «Ich weiss nicht, wie man das macht», denkt Osman, «über Familie sprechen, über Vergangenheit, über irgendwas wirklich sprechen.» Denn als er seinem Vater Suat gegenübersitzt, findet Osman keine Worte, merkt vielmehr wieder einmal, dass der Vater in einer anderen Welt lebt, in welcher der Sohn ihn nicht erreichen kann. Doch Osman hat nonverbale Mittel: ein Foto, das er dem Vater unter die Nase legt, wird den doch noch dazu bringen, zu lange Verschwiegenes endlich auszusprechen.

Osman versucht, in Musik zu sprechen

In Katharina Mevissens Roman wird geredet, relativ viel sogar. Aber manche müssen zu Hilfsmitteln greifen, um sich verständlich machen zu können. Osmans Tante Elide etwa spricht plötzlich wieder türkisch, weil ihr das aufgezwungene Leben im deutschen Ruhrgebiet fremd geblieben ist. Osman versucht, in Musik zu sprechen: Der Ich-Erzähler ist Cellist, genauer: Cello-Student. Aber die Beziehung zum Instrument ist gestört.

Literarische Debütantin: Katharina Mevissen. (Bild: Denise Sterr)

Literarische Debütantin: Katharina Mevissen. (Bild: Denise Sterr)

Musik, sagt Osman, kann «ein Biest sein, das dich von innen drangsaliert und keinen Ton von dir übrig lässt». Als er in einer Prüfung die Cello-Fassung einer Violinsonate von César Franck spielen soll, verrutschen ihm die Töne. Es solle wie «Nieselregen» klingen, hatte der Lehrer gesagt. Aber was er spielt, klingt «nach glitschigen Kachelwänden im Schwimmbad, an denen alle Geräusche abprallen und in deren Fugen sich Schimmel bildet».

Verblüffend, wie es der Debütantin Mevissen gelingt, immer wieder solche starken, unverbrauchten Metaphern für Musik zu finden und zu beweisen, dass auch sie sich mit Sprache trefflich charakterisieren lässt.

Ein Thema und unerwartete Variationen

Mevissen gelingt es auch, ihr Thema der – gelingenden, meist misslingenden – Kommunikation in immer neuen Variationen durchzuspielen, um in Musiksprache zu bleiben. Auch Osmans Vater Suat ist Musiker, aber einer dieser weltfernen Spieler, denen die Welt ausserhalb der Kunst abhandengekommen ist. Als sich Suat das Handgelenk bricht und berufsunfähig wird, muss Osman sein Fluchtdomizil in Hamburg verlassen und in seine Heimatstadt Essen zurückkehren. Dort trifft er Tante Elide, die Mutter des Vaters, die bisher die Familie zusammengehalten hat. Osman sieht sofort, dass sie mit ihren Kräften am Ende ist, aber er verschliesst die Augen und ficht seine inneren Kämpfe fortan in der Musik aus.

Bei der Rückkehr nach Hamburg findet Osman ein Aufnahmegerät, das bereits besprochen ist. Scheinbar monologisiert Ella, weil die Gebärdensprache, in der sie sich mit ihrer Schwester Jo unterhält, nur als Schlagen oder Schnalzen zu hören ist. Mit dem Hören jedes weiteren «Tracks» steigt Osman immer tiefer in das fremde Leben ein. Was wie Flucht wirkt, wird zur Rettung aus dem schweigenden Unvermögen. Und für die Autorin zur Möglichkeit, eine weitere unerwartete Facette ihres Themas zu beleuchten.

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören, Roman, Wagenbach Verlag, 163 S., Fr. 29.–

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