«Im Goldfischglas ist es eng»

Der britische Singer-Songwriter James Blunt hat ein neues Album herausgebracht. Auf diesem treffen Selbstzweifel, Motorengeräusche und Whitney Houston zusammen.

Reinhold Hönle
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Fühlt sich wohl in der Schweiz: James Blunt. (Bild: Warner Music/Scarlet Page)

Fühlt sich wohl in der Schweiz: James Blunt. (Bild: Warner Music/Scarlet Page)

James Blunt, als ich vor kurzem «You're Beautiful» im Radio hörte, hat mich das berührt. Geht es Ihnen auch so?

James Blunt: Ich komme nicht oft zum Radiohören, ich gebe mehr Interviews fürs Radio. Als mich kürzlich mein Manager anrief und schwärmte, meine Single «Bonfire Heart» gehöre zu den meistgespielten Songs, dachte ich: Und ich habe sie nie gehört! Ich bin einfach zu oft unterwegs.

Welche Rolle spielte das Radio in Ihrer Jugend?

Blunt: Meine Eltern hörten nicht viel Musik. Nur auf langen Autofahrten stellten sie für uns Kinder das Radio an oder liessen Kassetten laufen. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt Musik gehört habe. Mit 14 begann ich Gitarre zu lernen, um die Lieder im Radio nachspielen zu können.

Was hat es Ihnen bedeutet, als Ihre Songs erstmals dort liefen?

Blunt: Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht, weil man als Independent-Künstler nicht mit sowas rechnet. Wenn ich auf meinem Débutalbum nicht diese eine Ballade gehabt hätte, die mich zum – ein schmutziges Wort – Mainstream gemacht hat, würde ich heute noch in kleinen Clubs auftreten.

Ihre Songs «Bones» und «Always Hate Me» handeln von Selbstzweifeln, woher kommen die?

Blunt: Ich schreibe nicht über uninspirierende Dinge, oder darüber, wie hart ich bin – obwohl ich könnte, da ich sechs Jahre in der Armee war und mich in Kriegsgebieten wie dem Kosovo bewegte. Ich finde es mutiger, Ängste einzugestehen. Momente grosser Selbstsicherheit und Zuversicht wechseln mit Trauer und Unsicherheit darüber, weswegen zum Teufel wir hier sind!

Haben 20 Millionen verkauften Alben Ihre Zweifel nicht beseitigt?

Blunt: Nein, ich rette nicht Leben wie ein Arzt, unterrichte nicht wie ein Lehrer oder baue Länder wieder auf wie ein Hilfsarbeiter. Ich bin Musiker. Die Magie steckt in der Musik. Ich stehe nur auf der Bühne, weil ich nicht so gross bin!

Ihre CD beginnt mit einem Motorengeräusch, warum?

Blunt: Ich mag es verschiedene Klänge zu nehmen und sie ins Album einfliessen zu lassen. Der Klang des Motorrads, das vorbei fährt, soll signalisieren, dass ich die Zuhörer mit meinen Liedern auf eine Reise durch meine Gedankenwelt mitnehmen will.

Bei Ihrem Song «Miss America» liessen Sie sich von Whitney Houston inspirieren. Was hat sie Ihnen bedeutet?

Blunt: Sie war eine unglaublich schöne Person und hatte die Stimme eines Engels, aber wir alle wurden Zeuge, wie sich ihre private Tragödie entwickelt hat. Ich verspüre eine gewisse Traurigkeit darüber, wie wir es auf gewisse Weise genossen haben, das mitzuverfolgen. Ähnlich wie bei Prinzessin Diana, Amy Winehouse oder Michael Jackson. Wir lesen diese Geschichten online oder kaufen Hefte, weshalb immer mehr Paparazzi losgeschickt werden und es für die Stars in ihrem Goldfischglas immer enger wird. Wir sollten uns also auch über uns selbst Gedanken machen.

Wie haben Sie es geschafft, dass nur wenig über Ihr Privatleben bekannt ist?

Blunt: Ich passe sehr gut auf. Die Schweizer sind aber auch sehr respektvolle Leute. Hier zu leben ist ein Vergnügen. Die Leute reden mit mir wie mit einem normalen menschlichen Wesen, nicht wie mit einem Tier im Käfig oder einem Spinner. Ich habe als Indie-Musiker begonnen und fühle mich immer noch unwohl, wenn ich mit einer zu grossen Entourage auftauche. Ich trage auch keine besonderen Kleider, Frisuren oder Make-up. Bei mir soll es vor allem um die Musik gehen.

Was denken Sie über Künstler wie Lady Gaga?

Blunt: Worüber redet man, wenn es um sie geht: über ihre Songs oder über das Fleisch? Vielleicht macht Lady Gaga performative Kunst? Das wäre ein Niveau, das ich nicht beherrsche, und daneben geht es in der Musikindustrie nur noch um die Konstruktion eines Images.

James Blunt: Moon Landing (Warner Music)

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