Jetzt im Kino: Im Gefühlsrausch des Wassers

Angelehnt an den Mythos des Wassergeists Undine, erzählt Christian Petzold eine Liebesgeschichte zwischen Realität und Magie.

Irene Genhard
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Das Wasser ist die unberechenbare Macht in der Geschichte.

Das Wasser ist die unberechenbare Macht in der Geschichte.

Bild: Schramm Film

Es beginnt ungewohnt unmittelbar. In einem Berliner Café mit einer Frau, einem Mann und zwischen ihnen lastendem Schweigen. Ob sie noch einen Kaffee nehme, fragt er. Wenn er sie jetzt verlasse, sagt sie, werde sie ihn umbringen. Nicht, weil sie ihn nicht mehr liebt. Sondern weil sie Undine heisst und eine moderne Verkörperung der Undine ist: eines Wassergeistes, welcher der Sage nach nur durch die Liebe eines Menschen eine Seele erhält und ein irdisches Leben führen kann. Wird Undine verlassen, muss sie, um nicht ewig verflucht zu sein, ihren Geliebten töten und ins Wasser zurückkehren.

Ingeborg Bachmann versucht in der Erzählung «Undine geht», Undine von diesem Fluch zu befreien. Christian Petzold (letzter Kinofilm «Transit» nach dem Roman von Anna Seghers) schwebt Ähnliches vor. Seine Undine, von Beruf Kunsthistorikerin, wohnt in einem Hochhaus in Berlin Mitte und erklärt den Besuchern des Märkischen Museums Stadtmodelle. Sie will nicht Rache, sondern verzeihen, weiter lieben und geliebt werden. Dazu ist Petzolds Film der erste Teil einer Trilogie um Figuren der Romantik.

Von heftigen Gefühlen geprägte Liebesgeschichte

Wenige Stunden, nachdem Undine von Johannes (Jacob Matschenz) verlassen wurde, begegnet sie im selbigen Café dem Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski). Er hat an ihrer Führung teilgenommen. Ist fasziniert von der Schönheit ihrer klugen Worte und versucht, mit ihr zu flirten. Sie weist ihn ab. Bei seinem Abgang fällt er in eine Vitrine. Das darüber platzierte Aquarium gerät ins Wanken und beginnt zu bersten; unverhofft liegen die beiden umgeben von Glassplittern, Wasser und Fischen nebeneinander auf dem Boden: ein – auch filmisch– spektakulärer Auftakt für eine von heftigen Gefühlen geprägte Liebesgeschichte. Diese findet ihre Fortsetzung in einem gemeinsamen Wochenende an einem See. Als ob sie nie etwas anderes getan hätte, begleitet Undine Christoph bei einem Tauchgang. Das Wasser ist in «Undine» nicht nur Leitmotiv, sondern auch der Ort, in den sich die Liebe einschreibt: Fast (zu) märchenhaft schön sind die über und unter Wasser geschossenen Bilder von Kameramann Hans Fromm.

Wie vielen Filmen von Christian Petzold haftet auch «Undine» zunehmend etwas traumhaft Verlorenes und Ungewisses an. Er habe gefühlt, wie ihr Herz zu schlagen aufhörte, sagt Christoph einmal, was da gewesen sei. Nichts, antwortet Undine. Doch in der Liebe lügen liegt für Christoph nicht drin, schicksalhaft schleicht sich nun das Verhängnis an. Oft nah dran verweilt die Kamera auf Undines Gesicht. Undine wird gespielt von Paula Beer, die für ihre schauspielerische Leistung an der diesjährigen Berlinale sehr verdient mit dem silbrigen Bären ausgezeichnet wurde, auch den charismatischen Sanftmut von Franz Rogowski wird man so schnell nicht vergessen. In seiner splitterhaften, von plötzlichen Zeitsprüngen und überraschenden Wendungen geprägten Erzählweise ist «Undine» so meister- wie geisterhaft – schön.

«Undine» (D/F) von Christian Petzold. Ab 27.8. in den Kinos.

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